Das ist der Dom von Tokio

Nein, hier ist nicht der Tokio Dome gemeint – jene große Sport- und Veranstaltungs-Arena in Japans Hauptstadt, sondern tatsächlich eine katholische Kathedrale – und was für eine! Eine Entdeckung neben den ausgetretenen Touristen-Pfaden, die man sicher nicht erwartet …

 

Wohnstraße in Bunkyo neben der Kathedrale

Religion und Japan – da fällt einem zunächst Buddhismus ein. Und wer sich noch ein wenig mehr mit der Materie befasst hat, nennt noch den ebenso verbreiteten Shintoismus. Doch wer weiß schon, dass ein Prozent der Bevölkerung dort Christen sind? Die Jesuiten waren im 16. Jahrhundert eifrig auf Missionierungs-Tournee durch Nippon und haben so manchen Japaner überzeugt. Natürlich kann man die japanischen Christen heutzutage nur noch als Splittergruppe bezeichnen. Von den 18 Millionen Einwohnern Tokios etwa bekennen sich nur 90.000 zum Christentum. Aber wenn man durch Tokios Stadtviertel Bunkyo streift, mag man das kaum glauben. So ging es zumindest mir bei meinem zweiten Trip in die japanische Hauptstadt.

 

 

 

 

 

St. Mary’s Cathedral – Glockenturm

Ein Spargel mit Glocken

Denn mitten in diesem typischen Wohnviertel, zwischen Mehrfamilienhäusern, Sportplätzen und Geschäften, reckte sich plötzlich ein unglaublicher Bau in den Himmel – die St. Mary’s Cathedral, oder eben die Katedoraru Sei Maria Daiseido. Wie ein gerade gelandetes Raumschiff hebt sie sich von ihrer Umgebung ab. Zuerst ist nur der 61 Meter hohe Glockenturm zu sehen, der sich wie ein Spargel von der Umgebung abhebt. Je näher man kommt, umso mehr treten acht gebogenen Wänden ins Auge, die diese unglaubliche Kirche bis in 40 Metern Höhe formen. Es sind Betonschalen, die außen mit hellglänzendem, rostfreien Stahl verkleidet wurden – es ist der Dom von Tokio.

Ein Blick zurück: 1899 wurde am Platz der heutigen Kathedrale eine neugotische Holzkirche als Nebengebäude einer französischen Schule erbaut. Doch die fiel 1945 einem Luftangriff der Amerikaner zum Opfer. Für ihren Wiederaufbau Anfang der 1960er Jahre zeichnet der visionäre und weltberühmte Architekt Kenzo Tange verantwortlich, der unter anderem gleichzeitig die Bauten für die Sommerolympiade in Tokio 1964 plante. Und er hatte Hilfe aus meiner Heimatstadt Köln, der Partnerdiözese Tokios: Geld und Sachspenden der Kölner Gläubigen flossen in die japanische Kathedrale. Auch sendete die Diözese am Rhein Bau-Planer zur Hilfe. Sogar die Glocken im Glockenturm stammen aus Deutschland. Ein Jahr nach den olympischen Spielen wurde Tanges Kathedrale fertiggestellt. Und sie ist damals wie heute atemberaubend.

St. Mary’s Cathedral im Abendlicht

Ein Kreuz von oben

Selbst wenn man es unten stehend kaum glauben mag, bilden die fast vertikalen „Steilwände“ der Kirche ein Kreuz. Das ist jedoch nur zu sehen, wenn man von oben drauf schaut, zum Beispiel mit Google Maps. In jedem Fall wirken sie alleine durch ihre Höhe und ihre Strahlkraft – vor allem, wenn die Sonne darauf scheint – majestätisch. Sobald man das einfach Holzportal passiert hat, bietet sich dann ein völlig anderes Bild. Die Betonwände wurden im Innenraum „roh“ belassen. Keine Verkleidung, kein Putz und keine Farbe schmücken die Seiten. Ein heftiger Kontrast zur äußeren Erscheinung.

Lichtspiele im Innern

Licht liefern innen nur ein bernsteinfarbenes Fenstermosaik hinter dem Altar und eine Öffnung hinter der Orgel, die übrigens aus Italien stammt, erst 2004 eingebaut wurde und die größte Japans ist. Dabei fällt das Licht so sanft und raffiniert auf die massiven, düsteren Betonwände, das sie – auch wegen ihrer ungewöhnlichen Form, fast luftig und leicht wirken. Das kann man schwer beschreiben und auch meine Fotos könnend den Eindruck nicht wirklich wiedergeben.

Lichtspiele im Innern

Dieser monumentale Raum und sein Lichtspiel reicht auch schon aus. Viel mehr als der Altar und die rund 600 Sitzplätze für Gläubige gibt es hier nicht zu sehen. In einem Seitenschiff steht noch eine Pieta sowie eine Büste des Missionars Francies Xavier aus dem 17. Jahrhundert. Xavier war der erste, der 1549 mit seinem Glauben im fernen Japan hausieren ging. Die Büste war ein Geschenk der Kölner Jesuiten zur Einweihung 1964.

Die größte Orgel Japans


Die Heiligen Drei Könige sind eingezogen

Und seit kurzem gibt es noch mehr vom Rhein im „Dom von Tokio“ – der Kölner Kardinal Rainer Woelki war im Frühjahr 2016 zu Besuch und brachte als Gastgeschenk ein paar Knochen-Krumen der Heiligen Drei Könige mit, die ja bekanntlich in einem Schrein des Kölner Doms ruhen (so die Sage). Im Außenbereich der Kathedrale gibt es sogar eine kleine nachgebaute Grotte von Lourdes zu sehen. Sie besteht schon seit den Zeiten der alten Holzkirche und hatte noch mit der französischen Schule zu tun.

Architekt Kenzo Tange wurde übrigens von seinem eigener Bau offenbar nachhaltig spirituell beeindruckt. Er ließ sich nach der Fertigstellung in St. Marys zum Christ taufen. Und als er 2005 mit 91 Jahren starb, fand nicht nur seine Trauerfeier in der Kathedrale statt, sondern er selbst in ihrer Gruft auch seine ewige Ruhe.

Hinkommen
Mit der Metro (Yurakucho Line) bis zur Station Edogawabashi. Von dort etwa ein 20 minütiger Spaziergang entlang des Edgawa Parks am Kanda River (rechtes Ufer, also das gegenüber der Metrostation). Irgendwann kommt rechter Hand ein Tor, das in den großen öffentlichen Garten des Chinzanso Hotels führt. Den durchquert man bis zur Hotel-Lobby. Wieder draußen auf der Mejiro Dori sieht man links schon den Glockenturm in 400 Metern Entfernung.

 

Die Pieta
Nachgebaute Lourdes-Grotte

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2 Gedanken zu „Das ist der Dom von Tokio

  1. Hi Alexander,
    die Kirche sieht ja mal gut aus! Ich bin eigentlich kein Fan von Kirchen und Kathedralen und mit dem überladenen Gold überall ist es mir immer zu viel. Aber die hier sieht total futuristisch aus und ist auf jeden Fall einen Besuch wert.

    Vielen Dank für diesen Beitrag und liebe Grüße
    Magdalena

    1. Wie Du schon sagst – dort ist überhaupt nichts mit dem üblichen katholischen Brimborium am Start. Einfach nur ein spiritueller Raum, der für sich selbst spricht. Sehr toll – ob man glaubt oder nicht.

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