Spannende Südstaaten – Reisebericht USA 2017 Tag 3

Sonntag, 29.10.2017
New Orleans

Der Wecker klingelt um viertel vor neun. Wecker? Es ist Sonntag – und Urlaub! Hab ich den gestellt? Und ouhh … war der letzte Whisky gestern Abend schlecht? Wie ein verdurstender Wanderer im Death Valley stolpere auf der Suche nach Wasser durch die kleine Hotel-Wohnung und kippe mir erst mal einen halben Liter in den Schlund. Besser. Aber längst nicht gut. Der kurze Energie-Kick reicht aber, um das Hirn soweit auf Trab zu bringen, sich zu erinnern. Um 11 Uhr haben wir einen Termin mit einem Voodoo-Priester. Ausgerechnet! Momentan würde ich keine Wette drauf abschließen, dass ich den wahrnehme.

Eine Viertelstunde später tapsen wir bei strahlendem Sonnenschein und 18 Grad durch das Viertel, um Frühstück zu jagen. Irgendein Starbucks-Verschnitt liefert das heiß ersehnte Futter und den überlebenswichtigen XXL-Kaffee. Zurück im Hotel ist nach einer Ibuprofen der Entschluss gefasst – natürlich wollen wir dorthin! Nur selber fahren werde ich nicht, ist mir noch zu riskant. Taxi! Um 10.55 Uhr stehen wir vor dem Treffpunkt: einem kleinen Café exakt gegenüber des Eingangs zum Louis Armstrong Park. Dabei fällt mir auf: Obwohl wir jetzt schon 20 Stunden in der Stadt sind, haben wir noch nicht wirklich etwas von ihr gesehen.

 

Die Familie beim Vortrag

Ich habe eine neue Familie
Innen schart Robi sein etwa 15 Personen starkes Grüppchen um sich und führt uns anschließend zum Park, um sich dort vorzustellen. Der Schwarze ist ein richtiger Schlacks – etwa 1,90 groß und sehr schlank. Viele feine brustlange Rastazöpfe bommeln lustig um seinen Kopf, wenn er spricht. Das tut er sehr körpebetont, gestenreich und wie ein Maschinengewehr. Kennt noch jemand Eddie Murphy? Etwa so. Robi ist ein waschechter Voodoo-Priester. Und er hat es sich zur Aufgabe gemacht, nicht nur Touristen in New Orleans beizubringen, was das überhaupt ist, dieses Voodoo. Dabei ist er nicht nur Priester und Fremdenführer, sondern auch ein wirklich guter Entertainer.

Es wird wenig gelaufen aber sehr viel erzählt, Robi redet ohne Punkt und Komma. Trotzdem ist er gut zu verstehen. Die gesamte Gruppe wird einbezogen und zu einer Familie erklärt. Einige bekommen Rollen zugewiesen, um so deutlich zu machen, wie diese Naturreligion entstanden ist und heute noch funktioniert. Ich bin der Drummer, der bei den Zeremonien trommeln muss. Als früherer Schlagzeuger in diversen Hobbybands sollte mir das eigentlich leichtfallen, aber der Hangover… Robis Tempo bekommen meine Handflächen heute nicht hin.

 

Voodoo wie man es kennt ist pures Hollywood
Wir lernen sehr viel: Alles, was man landläufig über Voodoo zu wissen glaubt, ist Quatsch. Der Hühnerköpfe abschlagende, total vernebelte Zauberer mit weißen Augen ist Hollywood. Voodoo ist ein ganz normaler Naturglaube, der unter den Sklaven entstand und sehr stark an das Christentum angelehnt ist. Natürlich kann ich hier nicht alles wiedergeben. Aber nur ein Beispiel: Die berühmten Voodoo-Puppen gab es tatsächlich. Aber nicht zum Verfluchen, im Gegenteil. Die Voodoo-Doktoren (quasi Heilpraktiker) hatten so gut wie nie Schreiben gelernt. Also gab es für jeden „Patienten“ eine Puppe, an der markiert wurde, was ihm fehlt. So konnte sich der Doc bei folgenden Besuchen an alle vorherigen Beschwerden erinnern und zusammenhängende Diagnosen stellen.

Die gesamte Führung – oder eher der Vortrag – dauert rund zwei Stunden und führt zum Abschluss ins French Quarter gleich gegenüber des Parks. Zum ersten Mal sehen wir so etwas von New Orleans, wie man es sich vorstellt. Schwere gußeiserne Balkone mit Blumenampeln an alten Häusern in engen Gassen. Hübsch! Übrigens: Diese Führung wie auch zwei weitere, die in den nächsten Tagen folgen werden, haben wir über Free Tours by Foot gebucht. Sehr, sehr empfehlenswert! Die Auswahl ist groß und theoretisch ist jede Tour absolut kostenlos! Man zahlt am Ende entweder gar nichts oder so viel, wie man möchte als Trinkgeld direkt an den Führer. Die meisten haben zwischen fünf und zehn Dollar gegeben. Eine wirklich günstige Tour-Variante, die es auch in vielen anderen Städten gibt.

 

Jackson Square mit St. Louis Cathedral

Am Jackson Square vorbei zum Umzug
Nachdem wir unsere neue Familie verlassen haben, latschen wir einfach weiter die Dumaine Street hinab bis wir auf das Market Café stoßen. Eine Jazzband spielt auf dessen Terrasse, die Sonne scheint und wir lassen uns zu einem Mittagessen nieder. Das tun wir im Urlaub sonst nie, aber heute muss das mal sein. Nach dem Burger merke ich, wie meine Lebensgeister wieder komplett am Start sind. Was nun? Um 16 Uhr müssen wir das Auto und unsere Koffer am Hotel abgeholt haben, denn es steht noch ein Umzug in eine neue Bleibe für die nächsten drei Tage an. Die Voodoo-Festival Aktion von gestern war eine spontane und das neue Hotel ab heute bereits vorgebucht.

Also schlendern wir die Decatur Street und später die St. Peters Street hinab, um zurück zum Mercantile zu gelangen. Zwischendurch machen wir Halt am Jackson Square. Ordentlich was los hier an diesem sonnigen Sonntag. Viele Straßenmusiker, Künstler, Handleser und andere Wahrsager belustigen die Flaneure rund um den Square. Natürlich werfen wir auch einen Blick in die schöne St. Louis Cathedral, eins der Wahrzeichen der Stadt. In der alten Bleibe ankommen schnappen wir uns Auto und Koffer und machen uns auf zum Alder Hotel in den Westen der Stadt. Ebenfalls ein ganz neues Haus, das gerade erst eröffnet wurde (Hotel-Check immer am Ende des jeweiligen Aufenthalts, also hier an Tag 5). Ebenfalls ein wirklich schönes Ding, in dem wir erst einmal ein halbes Stündchen Pause machen.

 

Ballermann im French Quarter
Mit dem SÜVchen geht es anschließend zehn Minuten zurück nach Downtown. Und hier kommt ein super Tipp zum Thema Parkplätze in New Orleans: Manche Anbieter verlangen bis zu 40 Dollar pro Tag, was selbstverständlich völlig inakzeptabel ist. Doch unter der Adresse 1515 Canal St, New Orleans LA 70112 findet sich ein für hiesige Verhältnisse sehr günstiger Parkplatz. Je nach Tag und Uhrzeit 5 oder 10 Dollar für 24 Stunden, ein Träumchen. Auch die Lage ist klasse – in nur zehn Minuten steht man mitten im Trubel des French Quarter.

So wie wir jetzt. Langsam geht die Sonne unter und die Neonreklamen an. Klar – das erste Ziel kann jetzt nur die berühmte Bourbon Street sein. Die Partymeile schlechthin. Apropos schlecht: Zum einen ist die Mitte der Bourbon derzeit durch eine Mega-Baustelle aufgerissen und zum anderen ist dort wirklich Ballermann pur angesagt. Viele kleine Jazzclubs hintereinander, ein paar tolle Bars, viel Leben und Musik auf der Straße – so hatten wir uns das vorgestellt. Stattdessen gibt es billige Saufläden, aus denen eine Geruchs-Melange irgendwo zwischen abgestandenem Bier und Kotze auf die Straße quillt mit Dancefloor-Gestampfe. Sicher, hier mag es auch den ein oder anderen netten Laden geben, aber hauptsächlich wirkt die Bourbon Street wie billige Kirmes.

 

Partypeople auf der Bourbon Street

Leicht enttäuscht drehen wir auf andere Seitenstraßen ab und finden dort das, was wir uns unter der Bourbon vorgestellt hatten, geht doch! Zum Beispiel sei hier die St. Peters Street genannt. Dort stoßen wir auch auf die  Preservation Hall. Hier schließt sich übrigens der Foo Fighters-Kreis, denn eine Folge von „Sonic Highways“ – einem Doku- und Alben-Projekt der Band über Amerikas Musikgeschichte – spielt in dieser weltberühmten Jazz-Location. Gerne würden wir eins der drei allabendlich gespielten Konzerte darin sehen, aber eine Stunde anstehen möchten wir dafür nicht.

 

Die Trommler-Mafia

Stattdessen beobachten wir Straßenmusiker und die Machenschaften der Eimer-Drummer-Mafia. Diese Straßenkünstler kennt sicher jeder: Sie trommeln auf einer Reihe Putz- und Farbeimern und das teilweise erstaunlich virtuos. Hier in New Orleans gibt es sie an jeder Ecke, meistens allerdings minderjährig und schwarz. Viele können es nicht wirklich, gesellen sich aber trotzdem zu den zahlreichen teils richtig guten Straßenbands, um ´nen schnellen Dollar zu machen. Ganz offensichtlich sind sie teilweise organisiert. Einen der Jungs (höchstens acht Jahre) beobachten wir, als er von einem Passanten ein Netz Orangen statt Geld geschenkt bekommt. Völlig verwirrt hört der Kleene auf zu trommeln und läuft mit den Früchten zu einer Frau. Die weißt ihn an, die Orangen dem Obdachlosen auf der anderen Straßenseite zu schenken und weiter zu trommeln.

Unser Abendessen nehmen wir in einer Art Diner mit Louisiana Kitchen ein. Ganz okay, aber keine Empfehlung an dieser Stelle. Zum einen war der Laden arschkalt heruntergekühlt, zum anderen zählte ich nicht weniger als 15 Überwachungskameras. „Die sind leider nötig“, erklärte die Bedienung. „Erst letzte Woche gab es hier eine Messerstecherei.“ Na Mahlzeit. Nach dem extrem scharfen Südstaaten-Futter schlendern wir noch durch einen 24/7 geöffneten Kostümladen und treten dann den Heimweg an. Im Hotel reisse ich mir an der Balkontür noch fast die Fingerkuppe ab. Gut, war überdramatisiert, tat trotzdem weh und blutete wie Sau. Aber das konnte mir diesen schönen Tag nicht vermiesen. Mit fünf Pflastern aus der Reiseapotheke am Zeigefinger tippe ich noch ein paar Stichworte für diesen Bericht, bevor mir die Augen zufallen.

 


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4 Gedanken zu „Spannende Südstaaten – Reisebericht USA 2017 Tag 3

  1. Hey!
    Das klingt ja doch nach einem gut glaufenen Tag trotz Kater. Die Fotos sind wircklich wunderschön. Ich wusste garnicht, das es in New Orleans so Kretiv zugeht. Das klingt nach einem wilden Pflaster. Danke für die schönen eindrücke.

    MFG
    Miss Jones

    1. Ja, wild stimmt schon – aber auch irgendwie ganz anders als alle anderen Städte, die ich in den USA bisher besucht habe.

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