Muse – Simulation Theory – Eine Kritik

Eine Plattenkritik? Hier? Ja, warum denn nicht! Die Rubrik heißt schließlich „Und sonst“. Und da ich sonst gerade nichts zu tun hatte (Wortwitz bemerkt?), außer mir die neue Muse zu Gemüte zu führen, habe ich einfach mal mitgeschrieben und Song für Song simultan meine Eindrücke in die Tastatur gehauen, während ich die Platte zum ersten (und wahrscheinlich letzten) Mal hörte.

Kurz vorab: ich liebe Muse! Bis „The Revelation“ (2009) waren sie für mich eine der absoluten Über-Bands der alternativen Gitarrenmucke. Oft live gesehen, oft gehört. „The 2nd Law“ (2012) ging in meinem Ohren noch gerade so durch, aber „Drones“ (2014) war einfach nur eine Enttäuschung. Wenn sich eine Rockband mehr Richtung Elektro entwickelt muss das überhaupt nicht schlecht sein. Muse hatten die synthetischen Anleihen in ihren Alben immer gut im Griff, auch wenn sie später häufiger wurden, und konnte sie einsetzen, ohne billigen Blubberlutsch zu produzieren. Doch genau das ist jetzt passiert.

Dabei hätte ich es wissen müssen. Das Cover von „Simulation Theory“ alleine hätte mich warnen müssen! Trotzdem habe ich Amazon, dem alten Monoplisten, meine 11,98 Euro in den Rachen geblasen, um mir sofort die neue Muse einfahren zu können. Leider kam es, wie es kommen musste. Immerhin weiß ich jetzt, dass ich mir kein Ticket für den Gig im heimischen Kölner Stadion für nächsten Sommer kaufen muss. Also so gesehen habe ich sogar Geld gespart. Juhu. Trotzdem schade.

Wie gesagt: Die nächsten Zeilen sind eine rein subjektive Bewertung der neuen Muse, während ich sie hörte.

1. Algorithm
Langweiligster Sytnhie-Pop der Marke „Captain Future Titelmelodie“ – wobei, halt: Die hat viel mehr Drive. Es geht gar nichts nach vorne. Dazu: Schon die erste Textzeile, die ich auf der neuesten Muse höre, ist voller Plattitüden. Unglaublich langweiliger Song, bei dem man sich einfach nur wünscht, dass er schnell zu Ende gehen möge.

2. The Dark Side
Synthie-Pop Teil 2, das hier ist wirklich die dunkle Seite. Übelste Radio-Lala, über die man noch nicht einmal verächtlich die Nase rümpfen kann. Die üblichen Muse-Harmonien, die man schon x-mal gehört hat, versinken hier komplett in der Belanglosigkeit. Hätte Queen damals so einen Song in den 80ern geschrieben, Brian May würde sich wohl heute noch dafür schämen.

3. Pressure
Aha, das Intro mit Bläsern verspricht wenigstens ein wenig Innovation aus dem Einheitsbrei. Passiert hier wirklich was Neues? Und zum ersten Mal ist eine elektrische Gitarre vernehmbar, wenn auch sehr gezähmt. Der Refrain allerdings versaut dann auch schon wieder alles. Dieser Song wäre etwa auf der genialen „Black Holes and Revelations“ als einzige Enttäuschung des Albums gerade noch akzeptiert worden.

Matthew Bellamy (Muse) von mir irgendwann in den 00-Jahren fotografiert. Damals kam noch besserer Kram aus diesem Kerl raus.

4. Propaganda
Huch, da kommt Prince gesanglich um die Ecke. Bin gespannt, wann Michael Jackson noch seinen Auftritt hat. Die lustige verfremdete „Propaganda“-Roboterstimme klingt wie eine Retro-Reminiszenz an das C64-Spiel „Mission Impossible“. Ach, kennt eh keiner mehr. Ansonsten ein erster kleiner „Yeah“-Moment beim Einsatz der Country-Slide-Gitarre, die hier überhaupt nicht reinpasst. Und das ist toll. Die ersten guten 30 Sekunden des Albums in Song vier. Wow.

5. Break It To Me
Netter Groove aus Gitarre, Drums und einem Gesang, der fast arabisch anmutet. Das ist mal wirklich was Neues. Sogar der Refrain ist nett. Zwar nicht ungewöhnlich, wenn man die Band kennt, aber nett. Geht außerdem leicht verrückt und disharmonisch in das lustige Stakkato der Strophe über. Dazu ein Solo, das fast im Tom Morello-Style daherkommt. Alles nicht das, was ich mir erhofft hatte, aber ein Lichtblick. Blöd nur, dass die Platte jetzt schon halb vorbei ist.

6. Something Human
Ist das jetzt die unvermeidliche Ballade? Oh ja, ich glaube .. das ist sie. Inklusive „Fingerschnipp-Klick“ und langweiliger Wandergitarre im Hintergrund. Der Refrain rettet das ganze ein bisschen. Wir sind hier tief im Chart-Dschungel Es kommt sogar ein wenig „The Promise You Made“ der 80er Wave-Band Cock Robin um die Ecke. Das will ich aber nicht!

7. Thought Contagion
Da fällt mir tatsächlich am wenigsten zu ein. Nicht übel, wirklich nicht übel. Geht gut nach vorne, ist abwechslungsreich und bis jetzt der beste Song auf der Platte.

8. Get Up And Fight
Ui! Im Refrain könnte man fast von einem Rock-Song sprechen. Inmitten der wirklich öden Strophen geht das aber ganz schnell weder verloren. Mal Gelegenheit, nochmal genauer auf die Lyrics zu lauschen: „Get up and fight! I can’t do this thing without you, I’m lost in this without you!“ Okay, besser doch nicht. Gähn. Hört das jetzt mal auf?

9. Blockades
Yäi, ein Synthie-Intro! *Ironie aus* Oh, okay. Es kommt eine schöne Fuzz-Klampfe dazu. Dann holt Mr. Bellamy plötzlich doch noch ganz, ganz kurz die Keule raus. Aber die kleine. Natürlich nicht, ohne ein paar Chor-Einlagen in den Hintergrund zu streuen. Wo kämen wir denn da hin? Und auch ein Solo gibt’s hier noch mal zu hören, tatsächlich ein gutes. Ja, wenn er nicht allzu weich gespült wäre, könnte man sich bei diesem Song tatsächlich noch mal vorstellen, dabei auf einem Gig die Faust in den Himmel zu recken.

10. Dig Down
Versuchen wir uns jetzt auch noch an Dubstep? Die erste Minute kommtrüber wie Alex Clare meets Gospel. Nett arrangiert und das mit Groove. Ich korrigiere mich: Das hier ist der bisher beste Song auf dem Album. Hätten sich die „neuen Muse“ für alle Songs an diesem hier orientiert, wäre ich weitaus weniger böse.

11. The Void
Im Intro kommen nochmal alle 80er-Jahre-Heimcomputer-Zocker auf ihre Kosten. Dann verlieren wir uns in balladesk anmutendem Gesang mit Synthie-Geigen im Hintergrund. Und an dieser Stelle im letzten Song muss die Frage erlaubt sein: HABT IHR EUCH IM STUDIO NICHT UNGLAUBLICH GELANGWEILT? Ich kann mir das ganze live nur mit Coldplay-Optik inklusive bunten Luftballons vorstellen. Rock is dead.

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