Wandelbares Andalusien – Ein Reisebericht / Tag 13

TAG 13 / SAN JOSÉ
Freitag, 07.06. 

Heute wird es wüst! Wir wollen ins Desierto de Tabernas, die einzige natürliche Wüste in ganz Europa. Das Gebiet liegt ’ne dreiviertel Stunde von San José entfernt und ist aus vielen, vielen Filmen bekannt, weil es dem „Wilden Westen“ der USA verblüffend ähnlich sieht. Und da gerade in den 1960er und 1970er Jahren das Drehen in Europa günstiger war als drüben, entstanden in der Tabernas-Wüse so einige Western-Klassiker wie zum Beispiel „Für eine Handvoll Dollar“, oder „Spiel mir das Lied vom Tod“, aber auch eine ganze Reihe Winnetou-Filme oder „Der Schuh des Manitou“. Wer mehr wissen will, der google mal, ist eine interessante Ecke!

In der Tabernas-Wüste haben sich rund um die Drehorte und Kulissen von damals auch drei Vergnügungsparks etabliert. Die in unserer Unterkunft ausliegenden Prospekte von Ford Bravo und Fort Oasys sagten uns aber nicht zu, das wirkt auf den Fotos alles zu sehr wie Kirmes und Phantasialand. Wir entscheiden uns für Western Leone, die kleinste der drei und laut einhelliger Meinung einiger Internetrezensenten die authentischste, ruhigste und günstigste obendrein.
Schon auf dem Hinweg über die A92 sind wir mal wieder begeistert von der Landschaft. Die Felsen und Gesteinsformationen rundherum lassen wirklich Westernatmosphäre aufkommen. Gleich hinter der Abfahrt nach Tabernas den Berg hinauf findet sich Western Leone, sozusagen direkt neben der Autobahn, die allerdings noch nicht existierte, als der gute Sergio Leone damals hier das Lied vom Tod pfeifen ließ. Wir sind überrascht, dass auf dem großen Schotterparkplatz mit Kassenhäuschen kein einziges Auto steht. Der alter Herr an der Kasse überreicht uns für 22 Euro zwei kleine Eintrittsmärkchen und erlaubt uns mit großzügiger Geste auf das Gelände zu fahren. Ach, deswegen steht draußen kein Auto.

Western Leone – das Fotos sieht fast zu nett aus, man lasse sich nicht täuschen!

Wir rollen bis vor das „Stadttor“ aus Holz, wo immerhin noch zwei weitere Fahrzeuge neben ein paar stinkenden Müllcontainer parken. Das alles sollte uns schon einen Vorgeschmack geben von dem, was nun folgen sollte: Nichts! Die Kulissenstadt ist in einem jämmerlichen Zustand und besteht aus einem Dorfplatz mit Galgen und ein paar Holzverschlägen drum herum. Nebenan gibt es eine weitere Gasse mit ein paar zusätzlichen Bauten. Ich erkannte lediglich die zu einem Saloon umfunktionierte „Sweetwater-Farm“ aus Leones Lied vom Tod. Aus deren Tür heraus winkt ein Geselle mit Poncho und Westernhut. Er muss uns meinen, wir sind die Einzigen hier. Langsam schlendern wir zum Saloon und werfen einen vorsichtigen Blick durch die Tür. Schlimmer kann’s ja nicht mehr kommen. Falsch gedacht! Drinnen steht der Poncho-Mann einem Kollegen gegenüber. Die beiden bieten sich ein lächerliches Duell mit Spielzeugpistolen. Fehlt eigentlich nur noch, dass jemand „Peng Peng!“ ruft. Im Hintergrund spült ein weiterer Angestellter (in Polohemd und Jeans) gelangweilt am Tresen Gläser. Links von der Duell-Szene blinkt ein alter Flipper dudelnd vor sich hin. Schnell wenden wir uns von der Tür ab und sehen einen weiteren Angestellten in Straßenklamotten, der rauchend und mit seinem Handy spielend an der Wand des Saloons lehnt. Ein vor der Tür des Saloons geparktes Auto rundete das authentische Bild ab.

Bei unserem zehnminütigen Rundgang zwischen gähnender Leere und offensichtlich als Lagerräume für eine Baufirma umfunktionierte Kulissenbauten sehen wir in einiger Entfernung auf einem Hügel ein Kulissendorf, das viel interssanter wirkt. Der Zugang ist aber mit einem Zaun versperrt. Im hinteren Bereich von Western Leone gibt es dann noch ein paar Pappmaché-Häuschen zu sehen, die einst wohl eine mexikanische Westernstadt darstellen sollte, heute aber mehr wie eine schlechte Kopie der Westernstadt des Phantasialands in den 1980er Jahren aussieht. Dazwischen parken noch zwei futuristisch anmutende, halbverrottete Fahrzeuge aus dem B-Science-Fiction-Streifen „Solarfighters“ von 1986 (wie ich erst später durch Google-Recherche erfuhr). Er wurde damals in der Nähe in einer stillgelegten Mine gedreht.

Nirgendwo steht auch nur ein Schild oder eine Info-Tafel zu irgendwas. Der verrammelte Souvenirladen bietet bei einem Blick durchs Fenster halbleere Regale mit billigem Plastiknippes made in China. Plötzlich quatscht uns der Poncho-Mann an. Caballos? Caballos? Häh? Ach so, er deutet auf zwei dürre, alte Klepper, mit denen man wohl einmal um den Platz reiten kann. Nee, danke. Hamburger? Hot-Dogs? (alles begleitet mit lustigen Gesten) Nee, lass mal. Dazu muss man sagen, dass über dieser ganzen, lächerlichen Szenerie ständig in Endlosschleife aus verwitterten, krächzenden Lautsprechern die immergleichen Titelmelodien der bekannten Italo-Western dudeln. Die Typen tun uns irgendwie leid, wir uns aber auch, und darum machen wir uns schnell wieder vom Acker. Man muss schon ein extremer Leone-Fan sein, um diesem schrägen „Park“etwas abgewinnen zu können.

Wir fahren weiter Richtung Tabernas, einem kleinen, mitten in der Wüste gelegenen Örtchen. Auf dem Hinweg kommen wir an Oasys und Fort Bravo vorbei, deren Gebäude man aus der Ferne ein wenig sehen kann. Wirkt um Längen besser, Kirmes hin oder her. Trotzdem – uns reicht dieses eine „authentische“ Western-Erlebnis und wir setzen wir unseren Weg fort, lassen Tabernas rechts liegen, und streifen noch ein imposant großes Solarkraftwerk.

So sieht’s hier fast überall aus

Bis hier her zeigte sich die Landschaft durchgehend wie in Arizona/USA und trotz nicht gerade vorherrschenden Wüstentemperaturen und einer steifen Brise ist das toll anzusehen. Auf der N340a düsen wir weiter geradeaus, die Straße geht zehn Minuten schnurgerade durch die Wildnis, links und rechts stehen verlassene und verwitterte Häuser, Diskotheken und Fabriken, bis wir zum Abzweig der ALP 130 kommen. Hier wollen wir noch einen Geheimtipp unseres Reiseführers ausprobieren und folgen der Straße bis zur AL102, die über viele Serpentinen nach Nijar führt. Der Tipp ist Gold wert! Auf den kommenden 25 Kilometern (für die man locker 45 Minuten veranschlagen sollte) gibt es eine schöne Aussicht nach der anderen zu sehen. Steile Hügel mit grün-gelbem Steppen- Bewuchs, Steppenhexen (auch bekannt als Tumbleweeds) werden über die Straßen geweht, hier und da stehen die Überreste von längst aufgegebenen Hütten – grandios! Während der ganzen Fahrt kommt uns nicht ein einziges Fahrzeug entgegen, hier draußen ist völlige, wunderschöne Einsamkeit angesagt.

Kurz vor Nijar rückt in der Ferne plötzlich aus dem Nichts das unendliche Plastik-Meer der Ebene ins Bild. Endlose Folienlandschaften, größer als alle, die wir bisher gesehen haben. Durch diese Plastiktristesse kurven wir dann bis uir Autobahn, die uns wieder nach San José zurück führt. Dort gehen wir für ein spätnachmittagliches Bad an den Strand, wo wir aber von plötzlich auftauchenden Sturmböen vertrieben werden. Nachdem wir uns den Sand vom Körper geduscht haben, geht’s wieder zum Italiener von gestern Abend.

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