Tokio & Kyoto: Reisebericht Japan 2014 / Tag 11

TAG 11 / OSAKA
Dienstag, 20.05. / 26°C / wolkig, regnerisch

Den Morgen nach dem Frühstück verbummeln wir ein wenig. Es ist es stickig und schwül, wir sind müde und platt, können uns nicht recht entscheiden. Dass es nach Osaka gehen soll ist klar, wir möchten noch einmal den Kontrast zu dem „beschaulichen“ Kyoto haben und das Gewusel und Geblinke einer japanischen Großstadt sehen. Nur – fahren wir in wohl eins der tollsten und größten Aquarien der Welt ins Hafengebiet und gehen dann in die Stadt? Oder geht’s sofort in die City? Nach hin- und herüberlegen entscheiden wir uns zugunsten des restliches Urlaubsbudgets gegen die Fischlis, denn der Aquarium-Eintritt ist nicht zu verachten.

Erst Mittags fahren wir die drei Metro-Stationen vom Hotel zum Kyoter Bahnhof, um die JR Linie nach Osaka zu besteigen. Geht nach wie vor alles ganz bequem mit unserer „Pasmo“-Karte, die wir nach der Ankunft in Tokyo am Flughafen gekauft haben. Bisher haben wir – bis auf die Bustickets hier in Kyoto – nie einen Fahrschein kaufen, sondern immer nur die Karte am Automaten „auftanken“ müssen.
Der Schnellzug rattert exakt 30 Minuten lang bis Osaka. Dort angekommen, sind wir von dem Mega-Bahnhof geflasht. Dagegen wirkt der Berliner Hauptbahnhof fast wie der eines Provinz-Kaffs. Hier ist alles so dermaßen groß und auch leicht verwirrend, dass wir erst mal die Touri-Info im Bahnhof ansteuern. Mit einem Bahn- und Stadtplan ausgestattet, suchen wir nach dem Umeda-Building. Eins der spektakulärsten Gebäude der Stadt soll nicht weit vom Bahnhof entfernt sein, sagte die Info-Mitarbeiterin. „You can walk“. Würden wir ja auch gerne, aber wo geht es aus diesem Bahnhof raus? Ach ja, da. Und gleich ins nächste Hochhaus rein, einer gigantomanischen Shopping-Mall mit 20+ Stockwerken. Aus der muss es auch wieder irgendwo rausgehen, ach ja, hier. Nein, jetzt kommen wir in den zweiten Gebäudekomplex der Mall. Als wir diesen überwunden haben, müssen wir über eine große Kreuzung und runter in eine lange und recht fiese Unterführung. Auf der anderen Seite noch über eine Straße, einen riesigen Vorplatz mit „Wald“ und einem künstlichen See in der Mitte und wir stehen vor dem Umeda. Und wo geht’s jetzt in das Monster rein?

Blick aus der Rolltreppe

Aber als wir dann einmal drinnen sind, ist alles sehr gut ausgeschildert. Rolltreppe bis in den dritten Stock, dann Aufzug bis in den 39. oder so und – wow – der Aufzug ist ja gläsern! Man kann die ganze Zeit nach draußen sehen, fährt sozusagen fast am Gebäude entlang. Was eine Japanerin, die alleine mit uns in der Kabine steht, gar nicht witzig findet. Jammernd und wehklagend dreht sie sich zur Tür und hofft, dass das alles schnell vorbei geht. Am Aufzugende betreten wir dann – und jetzt wird’s richtig krass für die Japanerin – eine kleine Rolltreppe (nur eine Person pro Stufe breit), die in einer Art gläsernem Tunnel steil nach oben führt. Mit zwei dieser Rolltreppen (eine rauf, eine runter) sind die beiden Türme des Umeda verbunden. Man fährt also quasi „in der Luft“ auf einer Rolltreppe von etwa 140 Meter auf etwa 170 Meter und kann dabei tief nach unten sehen. Hoffentlich gibt’s jetzt kein Erdbeben. Die Aussichtsplattform ganz oben kostet rund fünf Euro pro Person, aber wir genießen nur kurz den Blick von den Rolltreppen und beschließen, am Abend noch mal wieder zu kommen. Bei den ganzen Wolkenkratzern hier muss der Ausblick beleuchtet hammermäßig sein. Daher trotten wir zurück zum Bahnhof, suchen und finden recht schnell die Metro und fahren drei Stationen nach Shinsaibashi. Dort beginnt eine Art „Osaka in ein paar Stunden“-Spaziergang unseres Reiseführers.

Das die Stadt nicht unbedingt schön zu nennen ist, war uns bekannt. Aber deswegen sind wir ja auch nicht hier. Unsere Erwartungen sind: Menschen, Bling-Bling und Großstadt. Erstere gibt es vom ausgeflippteren Schlag in der „America Mura“. Einem kleinem Viertel-im-Viertel, in dem sich schon seit Jahrzehnten viele der wenigen Ausländer in Osaka niedergelassen haben. Es wirkt hier von den Läden wie auch allem anderen her tatsächlich ein wenig wie in den USA. Wenn auch auf den (hier mal ausnahmsweise dreckigen und mit Kippen- und Kaugummi-Leichen übersäten) Straßen fast nur Japaner unterwegs sind. Dafür aber viele „Fashion Victims“ mit teilweise brüllend komischen Ouftits. Im Triangle-Park, genau in der Mitte von Klein-Amerika (eine Freiheitsstatue gibt’s übrigens auch), machen wir Rast und gucken. Die Menschenmassen erwarten uns dann in Dotonbori, wohl „dem“ Shopping-Viertel der Stadt. Hier reiht sich überdachte Passage an überdachte Passage, alle so lang und alle so voll, dass man am Ende nur noch einen Haufen schwarze Stecknadelköpfe erkennt. Logisch, dass es hier vor allem witzige Geschäfte zum gucken gibt. Die größte „Freiluft“-Shoppingmeile der Dotonbori erreichen wir, als es gerade zu Regnen beginnt. Schnell in einen nahen Starbucks auf ein Käffchen und dort aus dem Fenster weiter beobachten. Aber es hört und hört nicht auf zu pladdern. Wir kaufen uns also wieder – wie fast jeder hier – einen der an jeder Ecke feilgebotenen 2-Euro-Schirme und stiefeln weiter durch dieses Konsumparadies. Und weil es durch die Regenwolken schon fast dunkel wird, schalten viele bereits ihr Bling-Bling ein. Na also, Punkt zwei auf der Tages-Wunschliste abgehakt.

Normaler Betrieb in der Einkaufspassage

Es ist fast heftiger als in Tokyos Shinjuku, was hier abgeht. Allerdings kommen noch riesengroße Werbefiguren dazu, teils mechanisch bewegt. Etwa eine Krabbe, ein Tintenfisch, oder ein Clown. So stellen wir uns den leicht abgeschrebbelten Charme von Las Vegas vor dreißig, vierzig Jahren vor. Jetzt noch ein bisschen mehr Regen und ein bisschen dunkler und kaputter – man könnte sich fast wie in „Blade Runner“ fühlen.
Von dem Neon-Terror abbiegend, erreicht man eine winzig kleine Gasse, in der man in eine andere Welt abtaucht. Kleine Häuschen, Mini-Restaurants, wenig Menschen. Mitten darin: der Hozen-ji Tempel. Sehr klein, trotzdem hübsch und mit einer sehenswerten Besonderheit. Die anzubetende Statue/Gottheit wird dieses mal nicht einfach mit einem Geldstück bedacht bevor man betet, sondern ihr wird Wasser spendiert. Die gläubigen schöpfen mit einer Kelle Wasser über die Statue, bevor sie ihre Wünsche in den Äther senden. Das hat über die Jahre dazu geführt, dass der gute Heilige komplett vermoost ist und nur noch schemenhaft unter dem ganzen ihn überwuchernden Grün zu sehen ist.

Wie, schon so spät? Wir wollten doch noch auf das Umeda-Building. Mittlerweile ist es wirklich dunkel geworden, und wir schlagen uns durch den immer stärker werdenden Regen zu nächsten Metro-Station durch. Die bringt uns zum modernen Irrgarten Hauptbahnhof (wer braucht so viel Platz?!) und wir laufen den inzwischen ja bekannten Weg zum Umeda. Vor dem Hauptbahnhof findet heute übrigens das „Osaka Oktoberfest“ statt. Ende Mai … Dafür aber mit allem, was man sich als geneigter Japaner so unter Oktoberfest vorzustellen scheint. Eine anständige Maß (neben Münchner Bier gab es auch „Flensburger“!) vier Sorten deutsche Würste (Thüringer Rostbratwurst, Bratwurst, Brühwurst und Weißwurst) und den üblichen Kram wie Brezeln etc. Das ganze an verschiedenen kleinen Ständen verteilt und auf Bierbänken unter einem Plastikdach. Auf einer Rolltreppe des Bahnhofs kommt uns ein japanisches Pärchen in Dirndl und in Krachlederner entgegen. Er trägt eine Tuba, sie ein Akkordeon. Von oben sehen wir, dass sich vielleicht fünfzig Leute bisher auf das so exotische deutsche Traditionsfest verirrt haben.

Im Umeda angekommen zahlen wir brav jeder unsere rund fünf Euro Eintritt und betreten nach drei weiteren Stockwerken … besser nicht das große, runde Aussichtsdeck. Es hat kein Dach! Und obwohl wir nur mit ein paar anderen Leuten oben sind: Schirme sind nicht erlaubt. Nein, auch keine Ausnahmen. Da kennt das Wachpersonal nix. Ich wappne mich also mit meiner Regenjacke und versuche über die Plattform hechtend, Freihand noch ein paar schöne Nightshots von der wirklich beeindruckenden Skyline Osakas hinzubekommen. Hat mehr schlecht als recht funktioniert. Danach rubble ich meine Kamera trocken, während Rebekka sich die Regenjacke überwirft und auch einmal über das Deck joggt. Dann schauen wir zwei Stockwerke tiefer noch ein wenig durch die Fenster, die leider durch den Regen auch keine tolle Sicht bringen. Trotzdem: Punkt Großstadt auch abgehakt. Das war wieder ein schöner, abwechslungsreicher Tag heute. Zurück in Kyoto beschließen wir ihn mit einem schnellen Fast Food-Mahl und machen uns ins Hotel, morgen früh wollen wir fit sein für unser Date mit Johnnie Hillwalker …

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