Tokio & Kyoto: Reisebericht Japan 2014 / Tag 7

TAG 7 / TOKYO
Freitag, 16.05. / 26°C / heiter bis wolkig

Gestern ist es später geworden, darum sitzen wir erst um halb zehn beim Frühstück. Heute wollen wir in unserem Veedel bleiben, uns also ganz Asakusa und natürlich seinen Schreinen und Tempeln hinter unserem Hotel widmen. Das macht auch Sinn, denn von heute bis Sonntag wird hier das Sanja Matsuri Fest gefeiert. Eines der wichtigsten Shinto-Feste Japans. Worum es dabei genau geht führt zu weit und lasse ich daher mal aus, bei Interesse hilft wie immer Tante Google weiter.
Schon nach dem Frühstück sehen und hören wir vom Fenster aus, dass da unten ordentlich was abgehen muss. Dort angekommen, erwarten uns im und rund um den Tempelbezirk Marktstände, Fress- und Spielbuden. Fast wie auf einer deutschen Kirmes, nur nicht so Bling-Bling sondern eher ruhiger und ursprünglicher. Also kein Autoscooter, sondern Goldfische-Fangen, keine Currywurst-Bude sondern ein einfacher Stand mit Tintenfisch-Teigbällchen und so weiter. Die Goldfische nimmt man übrigens in einer Plastiktüte mit nach Hause und stellt sie in einem Glas auf einen Schrank. Irgendwann hüpft der Goldfisch raus oder stirbt von selbst. Dann hat er das Leid der Familie auf sich genommen und seine Aufgabe erfüllt.

Wir erkunden den gesamten Tempelbezirk noch mal in Ruhe, da wir seit unserem ersten Tag höchstens mal auf dem Weg von und zur Metro durch gelaufen sind. Kurz vor 14 Uhr rottet sich die Menge vor dem Haupttempel zusammen und die Tempelwächter werden zunehmend unruhiger. Passiert hier bald was? Heute schon ein Umzug? Ein Wächter nickt, gleich geht es los. Wir versuchen, ebenfalls einen Platz in der ersten Reihe zu bekommen. Das ist gar nicht so einfach, denn mehrere Tempelwächter werden zunehmend ruppiger, sobald es auf zwei Uhr zugeht. Sie drücken und stupsen, schreien und drängeln. So viel Euphorie beziehungsweise rabiates Verhalten haben wir hier noch nie gesehen.

Sanja Matsuri – Umzug

Dann kommt der Umzug. Erst Flöte und Trommel spielende Mädchen und Frauen auf einem Wagen, dann diverse „kostümierte“ Gruppen. Kenner der Shinto-Rituale mögen mir meine Unwissenheit dieser religiösen Traditionen verziehen: jedenfalls kommen Kraniche, Geishas und andere Kostüme um die Ecke. Das ist alles spannend und sehr schön anzusehen. An der Seite des Haupttempels löst sich dann bald alles auf und wir gehen noch einmal durch den Tempelgarten, bevor wir in den alten Gassen von Asakusa in ein Café einkehren.
Nach einem Käffchen spazieren wir in aller Ruhe wieder über das Fest, vorbei am Hotel und nur ein paar hundert Meter geradeaus an eine Kreuzung. Dort befindet sich ein „Cat Café“, dessen Werbung wir schon vor Tagen zufällig sahen. Katzen-Cafés sind ja eine der Verrücktheiten, die man gerne anspricht, wenn man über die skurrilen Tokyoter redet. Gehen die da in Cafés, um Katzen zu streicheln, weil ihre eigene Wohnung zu klein für Haustiere ist, zis! Nun, das Katzencafé in Asakusa ist nichts anderes, als eine kleine Ein-Zimmer-Wohnung (vielleicht 40 Quadratmeter), in der eine Frau in den 40ern derzeit 16 Katzen hält bzw. pflegt. Sie macht das schon ein paar Jahre, nimmt Fundtiere auf, päppelt sie hoch, versorgt sie und vermittelt sie anschließend weiter. Währenddessen kommen Gäste, um schlicht Zeit mit den Tierchen zu verbringen. Mit ihnen zu schmusen, zu spielen oder sie einfach zu beobachten. Die Frau spricht recht gutes Englisch und außer uns befindet sich noch ein spanisches Pärchen sowie eine ältere Japanerin in der (sehr sauberen) Wohnung. Selber Katzenbesitzer haben wir keine Zweifel, dass es den Tieren hier gut geht. Im Gegenteil. Aber irgendwie komisch ist das ganze hier schon. Mit einem Café hat es mal gar nichts zu tun. Gut, man kann sich für kleines Geld ein Getränk aus dem Kühlschrank nehmen. Aber ansonsten sitzt man auf diversen Möbeln und guckt Katzen oder spielt eben mit ihnen, wenn sie denn Lust dazu haben. Dafür zahlt man dann 800 Yen (also etwa 5,50 Euro) für die erste und 200 Yen für jede weitere Stunde.

Die Katzenmama ist nett und erzählt viel über die Tiere, wenn man sie fragt. Die Spanier sind bald schon wieder weg. Der weitere verbleibende Gast neben uns, die von uns so getaufte japanische Katzen-Oma, hat sich aber anscheinend in ein schwarz-weißes Katzi verliebt. Sie behandelt das Tier wie ein Baby, legt es mir in den Arm, setzt es mir auf den Rücken, schmust und liebkost es. Die Frau ist uns ein bisschen unheimlich, vor allem als sie plötzlich (kein Scherz!) die Pfoten ihres Lieblings ableckt. Ähemn, nun ja. Wir unterhalten uns noch ein bisschen mit der Hausherrin, und erfahren, dass Katzen-Cafés es gar nicht so einfach haben in Tokyo. Es gebe etwa 40, in ganz Japan rund 220. Und viele hätten aus mangelndem Publikums-Interesse schon wieder schließen müssen. Schon witzig: Touristen wie wir denken „Diese verrückten Japaner! Gehen scharenweise in Katzen-Cafés! Das müssen wir sehen!“ und in Wahrheit sind die Hauptkunden (zumindest in diesem Café) mittlerweile Touristen, wie die Besitzerin erzählt.

Zurück zum Tempelbezirk. Zur „blauen Stunde“ nach Sonnenuntergang gehen wir getrennte Wege. Ich hechte zur Brücke am Sumida-River, um den Sky Tree fotografisch einzufangen, Rebekka schlendert durch die Läden. Nachdem ich meine Fotosession beendet habe, höre ich von der Kreuzung hinter mir Trillerpfeifen und Geschrei. Wasn da los? In der Richtung sehe ich eine große Menschenmenge und etwas goldenes Glitzern. Die werden doch wohl nicht schon wieder umziehen? Tun sie aber! Unzählige Männer jeden Alters (nur wenig Frauen) tragen mehrerer Shinto-Schreine durch die Straßen und Tausende gucken zu. Ich quetsche mich durch die Menge und stehe plötzlich vor einem dieser Schreine auf der Straße. An jeder Seite geschätzt zwanzig Kerle, die unglaublich schwitzen und mit hochroten Köpfen immer wieder den Schrein auf- und ab hüpfen lassen und dabei die immer gleichen Rufe brüllen. Die Männer tragen je Schrein alle eine bestimmte Kimono-„Uniform“. Wir vermuten später, dass es sich bei den verschiedenen Trachten um Symbole für die einzelnen Stadtteile handeln könnte. Jedenfalls ist es so warm, dass viele darunter nur die bekannten, gewickelten Sumo-Ringer-Unterhosen tragen und sonst gar nichts. Sieht skurril aus. Um die Schreine ist ein riesiges Gewühl und die wachhabenden Polizisten kennen keinen Spaß, stupsen und drängeln Schaulustige, die im Weg stehen einfach weg. Ich halte mich bedeckt und versuche, niemandem in die Quere zu kommen und trotzdem ein paar Bilder zu schießen.

Abend-Umzug mit Gehopse

Der Tross zieht gen Haupttempel, wo ich Rebekka wiedertreffe. Wir schauen uns in Ruhe den halben Zug gemeinsam an. Vor allem ist es interessant zu sehen, wie die Männer unter ihrer schweren Last und bei dem ganzen Gehüpfe und Gebrülle in eine regelrechte Trance zu sinken scheinen. Manche gucken ziemlich wirr, andere rasten förmlich aus. Manchmal werden einige, die nicht mehr können, abgelöst. Darunter ist auch ein blonder Europäer oder Amerikaner, der sicherlich eine japanische Frau geheiratet hat oder sonst wie „assimiliert“ wurde. Lustig auch, dass das Feiervolk, bzw. die Träger, die gerade nicht an der Reihe sind, sich trotz aller religiösen echauffiertheit einen hinter die Binde kippen, schnell ein paar Teigbällchen oder Spieße an den Ständen ringsum snacken, mit ihrem Smartphone fotografieren oder verstohlen eine rauchen, trotz dem absoluten Rauchverbot im Tempelbezirk, um dann gestärkt wieder mit zu hüpfen. Später lesen wir, dass die Sänften mit den Schreinen so durchgeschüttelt werden, um sich der Aufmerksamkeit der Götter sicher zu sein.

Als wir uns von dem Umzug lösen, ist es schon halb neun und wir suchen ein Restaurant für den letzten Abend in Tokyo. Wir landen in einem japanischen Diner, dass ähnlich wie das Watami funktioniert. Man bestellt nacheinander viele Kleinigkeiten von der Karte, klingelt dazu nach der Bedienung, die sofort neben einem steht und probiert sich so durch das Angebot von westlich bis japanisch. Zwar haben sie hier keine englische Karte und es spricht auch niemand englisch, aber satt geworden sind wir trotzdem 😉

HOTEL-CHECK
Das  Via Inn Asakusa ist ein günstiges Standard-Mittelklasse Hotel mit guter Lage (direkt am Senso-Ji Schrein, zehn Minuten von der nächsten Metro). Die Zimmer waren für japanische Verhältnisse ausreichend groß, die Betten sehr bequem, das Frühstück gut und die Mitarbeiter freundlich. Es gibt kostenloses WiFi auf dem Zimmer und sogar einen eigenen, täglich frischen Kimono zum Schlafen. Und das kleine Beben, das wir dort im Bett erlebten, konnte das Haus ja schließlich auch nicht aus der Ruhe bringen.

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