Tokio & Kyoto: Reisebericht Japan 2014 / Tag 9

TAG 9 / KYOTO
Sonntag, 18.05. / 27°C / sonnig

Guten Morgen Kyoto! Auf zum Frühstück – mal sehen, was der Edelschuppen hier so zu bieten hat. Aber vor dem Tafeln hat der Frühstücks-Chef das Bingo gesetzt. Bingo? Da muss ich kurz ausholen: Schon um acht Uhr steht eine Schlange vor dem Einlass des großen Frühstück-Saals. Gut, stellen wir uns eben an. Ein britisches Pärchen vor uns macht uns darauf aufmerksam, dass man sich vorne beim Frühstücks-Chef eine Nummer abholen muss. OK, haben wir. Und jetzt? Die Briten wissen auch nicht weiter. Immer mal wieder ruft der Mann im Anzug etwas auf japanisch in die Schlange und Menschen lösen sich daraus, um zum Frühstück zu schreiten. Der wird doch wohl die Zahlen nicht nur auf japanisch ausrufen? Wir bewundern derweil die Halle, in der wir warten. Einen Stockwerk tiefer liegt ein riesiges Foyer, in der eine Kirche steht. Jawoll, eine „echte“ Kirche! Ich würde sagen, gute deutsche Dorfkirchen-Größe und bis unters Dach komplett in diesen Riesensaal hinein gebaut. Sie sieht sogar ziemlich originalgetreu aus. Später erfahren wir, dass Japaner wegen der tollen Atmosphäre sehr gerne „christlich“ in Kirchen heiraten und viele Hotels dafür Kapellen anbieten, inklusive einem Schauspieler als „Pfarrer“. Quasi als Event, denn nur ein Prozent der Japaner sind Christen. Zis! Die schnappen sich echt aus allen Religionen die Filetstückchen weg. Christlich heiraten, Shintoismus für den Alltag und Buddhismus für alles, was vor und nach dem Leben so kommt. Jedenfalls dürfte unser Hotel mit seiner „Kapelle“ den Heiratsmarkt in Kyoto ordentlich aufgewühlt haben.

Irgendwann kommt der Frühstückschef mal auf die Idee, dass ja auch ausländische Gäste anwesend sind und bellt die Nummern auch auf englisch. Schnell sind wir dran und stehen vor einem wirklich großen Buffet, dass alles zu bieten hat. Viel westliches, viel japanisches und sogar einen Koch, der frische Sardinen grillt. Satt werden wir hier ganz sicher, wenn auch nicht alles nach unserem Geschmack ist.
Nach dem Morgensnack lassen wir uns vom Concierge mit Händen und Füßen den Busfahrplan erklären. Sie versteht leider nur ein Viertel unserer Fragen, aber irgendwie geht’s schon. Immerhin wissen wir jetzt den Weg zu unserer Zielhaltestelle Gojo-Zaka und haben einen englischen Flyer in der Hand, der das Bussystem ganz gut veranschaulicht. Eigentlich läuft das wie in der Tokyoter U-Bahn: Auf den ersten Blick ist es verwirrend, aber dann logisch. Vor allem wenn man weiß, dass man hinten einsteigen muss und wie man mit dem Tagesticket umzugehen hat (einmal vorne beim Fahrer abstempeln während man zum ersten mal aussteigt, danach bei jeder Fahrt nur vorzeigen).

Kiyomizu-dera

Um 10 Uhr beginnt unsere Tour bei richtig strahlendem Sonnenschein und Hitze also nun an der Bushalte Gojo-Zaka. Trotz der frühen Stunde sind schon Himmel und Menschen unterwegs. Man darf nicht vergessen, dass heute Sonntag ist und Kyoto auch für Japaner ein sehr beliebtes Ausflugs- und Urlaubsziel darstellt. Erste Station nach einem Spaziergang in einer ansteigenden Straße und einigen Treppen ist der Tainai-meguri. Schuhe aus, 100 Yen gelatzt und ab. Man muss in die Katakomben des Tempels und die sind stockdunkel. Ich meine so richtig dunkel, man sieht gar nichts und muss sich an einem Handlauf entlanghangeln. Das ist erst richtig witzig auf Socken und inmitten von zwei Dutzend kreischenden japanischen Teenies. Nach ein bis zwei Minuten erscheint plötzlich schwach beleuchtet ein Stein, der irgendein buddhistischer Glücksbringer sein soll. Den muss man drehen und sich etwas wünschen. Dann durch einen weiteren dunklen Gang und man ist wieder draußen. Boah.
Hammer.
Was für ein Spaß.

Fast gleich nebenan einen paar weitere Treppen entfernt liegt der Kiyomizu-dera. Ein buddhistischer Tempel, der richtig schön im Berg hängt. Auch hier herrscht ein Mordsgewese. Im Haupttempel werden im Sekundentakt Gebete gen Irgendwo geschickt und alles wuselt. Spannend zu sehen und eine wirklich tolle Anlage. Bei den Reinigungskelchen, mit denen man sich Wasser über die Hände laufen lässt, gibt es sogar eine richtige Schlange. Kurios: Die Blech-Kelche mit Holzstiel legt man anschließend in kleinen Reinigungsboxen ab, wo sie ultraviolett bestrahlt werden, um Keime abzutöten. Weil: Manche spülen ja auch ihren Mund mit dem Wasser. Näää, diese Japaner.
Der Kiyomizu-dera hat an einem weiteren Tempel auch die bekannten Liebessteine zu bieten. Gelangt man von einem Stein mit geschlossenen Augen zum anderen, erwischt Amor bzw. irgendeine buddhistische Gottheit einen recht bald. Das versuchen unzählige giggelnde Teenies, denn auch heute am Sonntag sind offensichtlich einige Klassenfahrten unterwegs, erkennbar an den Schuluniformen und hektischen Lehrkörpern. Wir schauen gerne zu.
Nach dem Umrunden der gesamten Anlage geht es durch viele kleine alte Gässchen, die nicht nur hübsch anzuschauen sind, sondern in denen sich auch viele Händler breit gemacht haben. Klar, hier sind die Preise immer doppelt so hoch wie woanders und es wird sicher viel Nippes verkauft. Aber das fällt nicht auf! Im Gegenteil, es gibt viele richtig schöne Lädchen, die tolle Handarbeitssachen anbieten. Auch die Ishibei-koji befindet sich hier, eine urige Gasse, in der man sich fast ins Kyoto von vor zwei, dreihundert Jahren oder mehr zurückversetzt fühlen kann. Man muss sich nur die Stromkabel in der Straße und die Klingelknöpfe vor den putzigen Häuschen wegdenken. Eigentlich käme nun der Kodai-ji Tempel mit seinen berühmten Gärten an die Reihe, aber der hat leider (schon) geschlossen. Komisch, um die Uhrzeit. Fast direkt daneben entdecken wir aber eine riesige Buddha-Statue. Wie ich mit dem Smartphone nach-wikipediae handelt es sich hier um den Ryozen Kannon. Der ist in unserem Reiseführer gar nicht erwähnt.
Was für ein Glück, dass wir ihn gefunden haben, denn die Anlage ist nicht nur beeindruckend, sondern auch interessant. Hier befindet sich sozusagen die zentrale Gedenkstätte für die japanischen Kriegstoten des Zweiten Weltkrieges im Pazifik. Aber auch allen anderen Toten dieses Krieges wird hier gedacht. In einer kleinen Nebenhalle befindet sich daher auch Erde von vielen Kriegsgräberstätten weltweit. Vier mal täglich werden hier wohl Gedenkfeiern abgehalten, natürlich nach buddhistischen Ritualen. Wir platzen gerade in eine davon hinein. Fast nur alte bis steinalte Männer und Frauen in knallbunten Gewändern ziehen mit einem monotonen Singsang und schrägem Getröte auf Instrumenten, die aus Muscheln gemacht sind, in die Haupthalle ein und beten.

Geishas galore

Nach dem Heldengedenken wandeln wir zum Maruyama-Park, begutachten einen 300 Jahre alten Kirschbaum, der von zahllosen Seilen gestützt werden muss, legen uns auf eine Steinbank und halten erst mal ein kleines Nickerchen im Schatten. Einige eiskalte Getränke später (alle Shinto-Götter seien gepriesen für die Getränkeautomaten-Aufstellwut der Japaner) geht es durch den Park zum Yazaka-Jinja Tempel, der fast wirkt, wie „unser“ Asakusa-Schrein aus Tokyo im Mini-Format. Gerade als wir ankommen, findet eine Hochzeit statt und wir erhaschen einen Blick auf das Brautpaar. Wir treiben uns auch hier einige Zeit herum, schnüffeln Räucherstäbchen, beobachten Betende und Glücksstäbchen-Schüttler, bewundern Löwen- und Drachen-Skulpturen. Von hier aus machen wir den Katzensprung zum Chion-in, dem beliebtesten Pilgertempel Japans, da er der Hauptsitz der populärsten Buddhismus-Strömung, der Jodo-Schule, ist. Von all dem haben wir zwar überhaupt keine Ahnung, aber der Chion-in bietet das größte Tempeltor und die größte Glocke Japans. Und Superlative sind super. Das Tor bekommen wir noch zu sehen, aber der „Dicke Pitter“ Japans wird uns verwehrt, denn um 16.30 Uhr werden hier schon die Schreine hochgeklappt. Schade. Immerhin bekommen wir noch ein wenig Einblick in eine herrliche Teichanlage, die so dermaßen typisch und gleichzeitig wunderschön aussieht, dass es kracht.

So – was nun? Für heute reicht es an Tempeln (Kyoto hat ja nur rund 2000 zu bieten) und wir wollen wieder ins städtische Gebiet. Da bietet sich doch das nahe gelegene Viertel Gion an. Früher wie heute das klassische Vergnügungsviertel der Stadt. Doch wo heute nur noch wenige Geishas (die hier Maiko heißen) ihre Künste darbieten, herrschen heute Läden, Restaurants, Pachinko-Hallen und Puffs. Und das im Zweifelsfall gleich alles nebeneinander in einer Straße. Zahlreiche Seitengassen sind wirklich richtig schön, eine – die Shinbashi-dori – wirkt wieder wie vor einigen hundert Jahren. Kleine Bachläufe durchziehen das Viertel und an einer Brücke hockt sogar ein riesiger Reiher auf dem Geländer. Mitten in der Stadt! An einer weiteren kleinen Brücke gibt es eine Art Holzterrasse am Bachufer. Davor eine Bank, auf der ein Vater mit seinem kleinen Sohn sitzt und auf seiner Shamisen übt (einer Gitarre ähnlich, aber mit nur drei Saiten, wird mit einer Art Spachtel gespielt). Leider kann er es nicht wirklich, aber die Situation ist trotzdem romantisch. Die Sonne liegt für heute in ihren letzten Zügen, unsere überhitzten Füße baumeln im eiskalten Bachwasser, hinter uns spielt ein Japaner Hausmusik und über die alte Steinbrücke links neben uns tattern ältere Herren. Im Wasser finden wir dann auch noch eine bemalte Keramikscherbe. Nä, wat schön.

Irgendwann sind die Füße aber wieder abgekühlt und es geht weiter durch Gion. Plötzlich stehen wir an einer Art „Kostümverleih“, mitten zwischen Stripclubs. Nacheinander klappern hier in Kimonos gekleidete Damen und Herren auf ihren Holzpantoletten hinein. Daher kamen die also! Uns ist den ganzen Tag über schon aufgefallen, dass sehr viele – vor allem junge – Mädels und Jungs in traditionellen Klamotten herumgelaufen sind. Eigentlich dachten wir „Wie schön, dass Tradition hier noch hoch gehalten wird, wenigstens am Sonntag“. Und jetzt stehen wir hier vor einem Laden, der für einen Tag so ziemlich alles verleiht, was man braucht – inklusive Ankleide-, Frisuren- und Schmink-Service. Ein Pärchen-Angebot für einen Tag kostet zum Beispiel 7000 Yen, rund 50 Euro. Trotzdem wollen wir natürlich glauben, dass es dennoch viele Kyoter gibt, die ihre „Tracht“ ab und an mal ausführen. Geishas haben wir übrigens auch ein paar gesehen, wobei man jetzt natürlich kaum mehr davon ausgehen darf, dass die echt waren.
Der Rest des Tages ist nicht weiter erwähnenswert. Abendessen gibt es heute im weltweit beliebten Gasthaus zum goldenen „M“ (man muss ja auch mal sparen, nech) und nach ein bisschen des weiteren Stromerns in Gion nehmen wir den Bus zurück ins Hotel. Das war heute wirklich – wie gestern schon angekündigt – ein Mega-Sightseeing-Tag. Das sagen auch die Beine!

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