Reisebericht Japan 2016: Back to Nippon / Tag 3

TAG 3 / TOKYO
Samstag 23.04.

Boybands und Erdbeer-Crepes

Nachts um vier plötzlich hellwach. Draußen wird es hell. Aber ne, ne, Jetlag, nich mit mir! Umgedreht und tatsächlich noch bis sieben Uhr durchgeschlafen. Frühstück bietet unser Hotel nicht, dafür einen „Starbucks“-Verschnitt namens „Tully’s“ im Erdgeschoss. Bei den Preisen hat man sich am amerikanischen Multi orientiert, bei der Qualität nicht ganz so.
Um 8.30 Uhr ziehen wir los gen Shibuya. Hier waren wir zuletzt zu anderen Tageszeiten und natürlich war da mehr los an der berühmten Shibuya Crossing und überhaupt. Wir statten der Statue vom treuen Hund Hachiko einen Wiedersehensbesuch ab, stromern ein bisschen durch die Läden und sind schon bald wieder auf dem Weg zur Takeshita Dori. Die bekloppte Einkaufstraße mit ihrem pinkibunten Manga-Publikum und den lustigen Klamotten wollten wir unbedingt auch noch mal wiedersehen. Wir nehmen den Fußweg dorthin und kommen an einem ominösen Schauspiel vorbei.

Yoyogi-Arena: Warten auf „Sexy Zone“

Am Eingang des Yoyogi-Parks hängen rund um die dortige Yoyogi-Arena massive Pulks von Schulmädchen herum. Hunderte, nein, tausende. Viele in ihrer Uniform und irgendwie sehr ruhig und brav, als würden sie auf etwas warten. Irgendwann entdecken wir dann die Plakate: Heute spielt „Sexy Zone“ in der Arena! Yäi! Sogar zweimal – am frühen und am späten Nachmittag. Fünf windelweich aussehende Jungs, die Pop-Liedchen produzieren die so klingen, wie sie selbst aussehen. Die Songtitel auf ihrer neuesten CD hätte sich selbst Dieter Bohlen für das erste Modern Talking Album nicht schlimmer ausdenken können. Kostprobe? „Welcome to Sexy Zone“, „Love Confusion“oder „Sexy Girl“. Das jüngste Mitglied der „Band“ ist übrigens 16, heißt Marius und wurde in Heidelberg geboren. Aber genug Gossip, zurück zu den Mädels. Die warten so brav vor der Tür und in Schlangen an diversen Merchandise-Ständen, dass es schon fast lustig ist. Nein, es ist lustig. Euphorie und Rock’n’Roll sieht anders aus. 😉

Nach weiteren zehn Minuten erreichen wir die Takeshita, und werden nicht enttäuscht. Hier ist auch schon die Hölle los und alles ist schön verrückt. Weil das Frühstück noch nicht so lange her ist, gönnen wir uns schon wieder keinen Crepe mit Erdbeeren und Sahne, die hier fast eine Art Statussymbol zu sein scheinen, weil jeder zweite einen in der Hand hält. Dafür sehen wir einige putzig gekleidete Kids auf der Suche nach dem totalen In-Fummel.

Gut, war schön, aber jetzt auf zu unbekannten Gefilden – dem Shinjuku Gyoen Park. Unglaublich aber war – hier blühen noch Kirschen! Wenn auch nicht mehr alle, wenn auch in den letzten Zügen. Aber in dem wirklich schönen Park feiern noch ziemlich viele an diesem sonnigen Samstag ein kleines Hanami. In einem Kiosk finden wir alles nötige, um es ihnen gleich zu tun. Plastik-Picknickdecken, Bento-Boxen, Mochis mit Bohnenpaste und Getränke. Kurz darauf sitzen wir ebenfalls unter einem Kirschbaum und feiern unser eigenes kleines Hanami. Inkusive Leute gucken, denn hier gibt es auch Tanzgruppen, ’nen Senioren-Malclub und viele spielende Kinder, die diese komischen Rundaugen mitten unter Ihresgleichen sehr interessant finden. Auch ein kleines Nickerchen auf der Plastikdecke darf nicht fehlen. Und natürlich haben wir die Schuhe ausgezogen, bevor wir die Decke betraten, so wie alle anderen auch. Man weiß ja, was sich gehört 😉

St. Mary’s Cathedral

Der Dom von Tokyo

Das nächste Ziel erreichen wir mit der Bahn: Die St. Mary’s Cathedral. Tokyos größte katholische Kirche – gebaut in der 1960ern mit großer Unterstützung vom Dombaumeisters des Partner-Bistums der japanischen Hauptstadt: Köln! Sehr ungewöhnliche Architektur und eben der Köln-Faktor locken uns Heiden dorthin. Das Gebäude ist wirklich verrückt, da lasse ich mal die Fotos sprechen. Dieses Monstrum steht mitten in einem unscheinbaren Wohngebiet! Tatsächlich sind nur rund ein Prozent der Japaner Christen. Immer noch viel mehr, als ich gedacht hätte. Sogar der Kölner Kardinal Woelki war erst wenige Wochen vor uns hier, überbrachte dem „Dom von Tokyo“ ein paar Knöchelchen des Heiligen Dreikönigs-Schreins aus dem Kölner Dom.
Im Außenbereich der Kathedrale gibt es sogar eine kleine nachgebaute Grotte von Lourdes zu sehen! Und gerade, als wir gehen wollen, kommt eine thailändische Reisegruppe mit zwei Bussen angefahren – neben uns fast die einzigen Menschen hier. In Thailand, so lerne ich beim Schreiben dieses Berichts, leben noch weniger Christen als in Japan. Deswegen muss diese Sehenswürdigkeit in Tokyo noch exotischer auf die Thais gewirkt haben, als auf uns.

So langsam aber sicher geht es schon wieder Richtung Dämmerung, deswegen spazieren wir zur nächsten U-Bahn, um durch die halbe Stadt zum World Trade Center zu kommen. Die Aussichtsetage dort soll der Hammer sein. Stimmt sogar! Der Eintritt ist supergünstig (weiß nicht mehr genau, ein paar Euro) und man kann komplett alle vier Seiten der Etage ablaufen, bekommt tollste Ausblicke auf die nächtliche Stadt. Leider alles von innen, draußen gibt es keine Plattform. Das ist nicht ideal zum fotografieren, aber komfortabel zum gucken. Man kann sich richtig in die Fenster dieser vollverglasten Etage reinlehnen und ganz nach unten gucken. Außerdem stört es dort keinen, wenn man sich in die Sitzgruppen fläzt und sich seine selbst mitgebrachten Snacks oder Getränke reinschlägt. Schade, dass es schon um 20.30 Uhr schließt.

Ausblicke vom WTC

Metal auf dem Bürgersteig

Um etwa diese Zeit stehen wir auch wieder draußen vor dem Wolkenkratzer und wollen einen Termin für morgen ausmachen. Sonntagsmorgens soll man im Stadtteil Asakusa die Ringer eines Sumo-Stalls beim Training beobachten können. Allerdings nicht jeden Sonntag. Und um zu erfahren, ob Training ist, gibt unser Reiseführer eine Telefonnummer an und zwei, drei japanische Sätze, mit denen man nachfragen soll. Ich versuchs mit dem Handy. Als jemand abhebt, bete ich nach einem freundlichen „MuschiMuschi“ mein Sätzchen herunter. Die Antwort ist klar, direkt und auf englisch: „No.“ Schade!

Jetzt aber Essen fassen! Zurück auf der riesigen Yasukuni-dori in Shinjuku entscheiden wir uns spontan für ein von Tripadvisor vorgeschlagenes Schnitzel-Restaurant. Japanische Schnitzel natürlich. Doch bevor wir dort ankommen, rast irgendein Einsatzfahrzeug mit Blinklicht an uns vorbei und hält nur hundert Meter vor uns rasant auf dem Seitenstreifen der riesigen Yasukuni-dori. Heraus springen drei Männer im Overall und was dann folgt, gibt es bestimmt nur im sicherheitsfanatischen Japan. Offenbar sperren die Herren gerade eine der vier Spuren. Innerhalb von zehn Minuten werden so viele Warnschilder, Baken, Hütchen, Fähnchen, Lämpchen und mehr ausgepackt, dass selbst eine Boeing 747 aus der Luft die Sperrung bemerken würde. Zur Krönung gibt es noch eine LED-Leinwand auf der ein Typ gezeigt wird, der eine „Vorsicht!“-Fahne schwenkt. Davor stellt sich einer der Kerle und schwenkt eine „Vorsicht!“-Fahne. Es ist der pure Wahnsinn und ich werde mehr als einmal schief von Passanten angeguckt, weil ich das filme und fotografiere. Zumal vor der ganzen Szenerie ohnehin schon „Hello Kitty“ Baustellenbeschilderung steht. Später gesellt sich ein weiterer Ausländer dazu und filmt auch, was mich nicht ganz so bekloppt erscheinen lässt. Es handelte sich übrigens um einen kleineren Rohrbruch oder ähnliches, etwa hundert Meter hinter der Mega-Absperrung. Allerdings noch nicht mal auf der abgesperrten Spur, sondern auf dem Bürgersteig daneben. Verrückte Japaner!

Vor dem Schnitzel-Restaurant angekommen, entdecken wir gleich daneben eine Wa-Ta-Mi-Filliale. Hmn, na gut. Die Schnitzel sind morgen auch noch da! Auf dem Rückweg zum Hotel über die Yasukuni-dori schlägt uns aus der Ferne ein infernalischer Krach entgegen. Der Godzilla aus dem Vergnügungsviertel ist nicht weit, lassen die den Nachts etwa auch brüllen? Aber der Krach wird immer lauter und dann sehen wir die Lärm-Quelle: Eine Zwei-Mann-Metal-Band auf dem Bürgersteig mit einer ganzen Armada an Verstärkern und Verzerrern. Wir stellen uns zu dem kleinen Grüppchen der Zuschauer und staunen. Songstrukturen gibt es nicht, die Jungs sind auf puren Krach aus. Der eine bearbeitet seinen E-Bass wie einen Amboss, der andere „spielt“ mit einer Bohrmaschine auf einem Schlagzeugbecken, das wiederum über Tonabnehmer an mindestens ein Dutzend Verzerrer angeschlossen ist. Beide sind klatschnass geschwitzt. Das lustigste kommt aber noch: Wir gucken vielleicht drei Minuten zu, als plötzlich zwei Polizisten die Szenerie betreten. Ganz langsam kommen sie angeschlendert. Der Typ mit dem Becken sieht sie als erstes, schnappt sich ein Mikrofon und brüllt verzerrt irgendwelche Parolen in die Nacht, während die Cops sich vor ihm aufbauen. Dann stellt er, betont langsam, die Verstärker nacheinander ab bis nach einer Ewigkeit Ruhe ist. Die Polizisten warten geduldig ab. Es folgt ein gegenseitige höfliches „Guten Abend“ mit angedeuteter Verbeugung und die zwei Musiker bekommen nach kurze Erklärungen Formulare vorgelegt, die sie brav ausfüllen und danach abbauen. Muss man gesehen haben! Leider habe ich keine Fotos gemacht, nur gefilmt (den Clip gibt’s hier).

Durchs Golden Gai stromern wir heimwärts und werfen noch einen Blick in die Champions Bar, angeblich eine der besten Karaoke-Bars Tokyos. Allerdings sind dort fast ausschließlich Westler zu sehen und es ist brechend voll. Nicht wirklich unser Ding. Im Hotel gibt es noch einen Absacker während wir über den nächsten Tag sprechen. Plötzlich ist es zwei Uhr und wir immer noch nicht wirklich müde. Blöder Jetlag.

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