Rote Steine & Casinos: Reisebericht USA (Südwest) 2015 / Tag 6

TAG 6 / TWENTYNINE PALMS (CA)-GRAND CANYON VILLAGE (AZ)
Mittwoch, 29.04.2015 / Sonnig, 27-33°C

Als ich am Morgen um kurz nach sieben die Tür vom noch mit Vorhängen total verdunkelten Zimmer öffne, brät mir sofort die Wüstensonne heiß ins Gesicht und brennt mir den letzten Rest Schlaf aus den Augen. Ist das hell! Ist das heiß! Schnell ein bisschen frisch gemacht und rein ins Auto, die Hauptstraße runter. Das Ziel: „The Caroussel“, ein klassisches Diner, allerdings rund geformt. Ein Karussell eben. Der Laden ist ebenfalls eine Empfehlung der Motel-Besitzerin gewesen.
Im Eingang werden wir von dicken Schwaden Bratqualm empfangen, der aus der Küche quillt. Der Gastraum hinter getönten, schmierigen Scheiben ist eine einzige Scheußlichkeit im späten 70er/Anfang80er-Style (und seitdem bestimmt nicht wieder geändert worden). Rund unter der Decke ist ein kleines Regal angebracht, auf dem hässlichste Figuren von Karussel-Pferden, Clowns, etc. stehen, verklebt von Staub und Fettschmier der letzten Jahre. Auf den Plätzen sitzen einmal zwei ältere dicke Typen mit Bart, Basecaps und fleckigen Shirts und auf der anderen Seite eine schmierige, vierköpfige Gruppe. Wir schätzen ein mittelaltes Ehepaar mit zwei Freunden. Alle tätowiert, alle dick, keiner mit allen Zähnen.

Sofort klatscht die Bedienung (locker 60, sehr dünn, sonnengegerbte, faltige Haut) uns ohne Gruß die klebrigen Karten auf den Tisch und stellt nach der obligatorischen Frage „Coffee?“ schon fast ohne die Antwort abzuwarten zwei Becher dazu, die sofort aufgefüllt werden. Wow – Dieser Laden ist das blühende Klischee. Wenn ich Regisseur wäre, ich würde ihn sofort mieten. Klar, der Streifen müsste schon irgendwie in Tarantino-Richtung gehen. Großartig hier! Wir bestellen ganz bescheiden Bagel und Toast, während die vier Schmierlappen kurz darauf unglaubliche Mengen fettige, dampfende Nahrung vor die Nase gestellt bekommen. Ich erkenne Eier- und Fleischberge. Im Abgang von deren Tisch schüttet die Bedienung unsere noch fast vollen Tassen wieder randvoll. Um die Geschichte abzukürzen: Familie Flodder braucht noch ein Doggybag, weil sogar sie die unglaublichen Mengen nicht schafft (was Mr. Flodder später mit einem herzhaften Rülpser quittiert) und der Sohn unserer Bedienung hat eine neue, sehr hübsche Freundin. Eine Kindergärtnerin. Uns wurde vier mal Kaffee nachgeschenkt bis wir abgewunken haben und das Essen war echt gut! Dieser Laden war hollywoodesker, als der gesamte Walk of Fame. Wir kämen morgen wieder, aber wir müssen weiter, schließlich ist das hier ein Roadmovie.

Zurück am Motel (siehe Tag 5) machen wir die dort üblichen peinlichen Touri-Fotos des Motel-Schilds in U2-Pose, packen zusammen und düsen wieder Richtung Stadt. 29 Palms besteht im Grunde aus einer sehr langen, schnurgeraden Hauptstraße, an die sich im Abstand von 10-50 Metern voneinander Läden, verlassene Läden und Diner oder Fast Food Kaschemmen schmiegen. Davor, dahinter und daneben breitet sich die Wüste aus. Und ein paar Seitenstraße mit noch mehr Läden und Wohnhäusern. In den Seitenstraßen sind einige wirklich schöne Wandgemälde an den Häusern zu sehen. Diese Oase mitten im Nirgendwo lebt ganz offenkundig von den Nationalpark-Besuchern und von der großen US Army-Basis in der Nähe.

Wir kaufen ein paar Vorräte, ziehen Geld, tanken und beginnen unseren einzigen fast kompletten Fahrtag in diesem Urlaub. Wir wollen zum Grand Canyon, und das sind immerhin über 600 Kilometer inklusive einem Schlenker über die Route 66. Die Strecke führt hinter 29 Palms ins Nichts. Und damit meine ich nichts. Wüste eben, Sand und Büsche, im Hintergrund Berge. Das ganze in einer unendlich scheinenden Weite. Der Blick hört einfach nicht auf, wird höchstens vom nächsten Bergzug in 25, 50 oder mehr Kilometern gebremst. Das ist absolut faszinierend und wunderschön. Hält man an und tritt auf die Straße (den Gegenverkehr kann man in der Stunde an zwei Händen abzählen) hört man auch nichts. Absolute Stille wenn kein Wind geht. Kein Vogel, kein Motor, kein Mensch: nichts!

Bis zur Interstate 40 bleibt das so, dann ändert sich zwar wieder der Lautstärkepegel, aber nicht die Aussicht. Außer die des Cockpit-Displays vom GMC. Unser SÜVchen will einen Ölwechsel, aber bald! Kurzer Blick ins Handbuch: „Bald“ heißt spätestens in 600 Meilen. Hmn. Das ist also ein Problem des Alex von morgen. In Lake Havasu müssen der Alex von heute und seine Gefährtin aber jetzt erst mal etwas gegen den kleinen Hunger und die Müdigkeit tun. Nach einem Sandwich und einem Red Bull gehe ich in die Werkstatt nebenan und frage einen der Jungs vorsichtshalber noch nach meinem Ölproblem. „Da kannste auch noch 1000 oder 1200 Meilen mit fahren. Ich kann’s Dir auch wechseln und Du holst Dir das Geld vom Vermieter zurück, aber ehrlich gesagt: Ich würd einfach meinen Trip zu Ende fahren.“ So ähnlich hatte ich mir das schon gedacht.

Die Fahrt bis Kingman verläuft ereignislos, nur die Landschaft wird etwas grüner, aber nicht weniger weit und nicht weniger schön. In Kingman biegen wir auf ein Teilstück der alten Route 66 ab. Kurz darauf kommen wir am Flughafen-Boneyard vorbei. Viele Dutzend Flugzeuge stehen hier zum abwracken, richtig große Maschinen. Leider kann das Areal nicht besichtigt werden.
Natürlich halten wir auch am Hackberry General Store an und bewundern rostige Oldtimer, eine alte Werkstatt, viel kitschige und coole 66-Nostalgie und den Shop. In den Souvenir-Rucksack wandern zwei Nummernschilder. Wir halten uns knapp eine Stunde am Store auf, bevor s weiter geht.

Angel Delgadillo’s Shop in Seligman

Die Landschaft bleibt bis Seligman einsam, die Straße auch. Irgendwie ein tolles Gefühl, durch diese Weite zu kurven. Bis Seligman unterhalten uns lustige Werbeschilder von „Burma Shave“ die urplötzlich aus dem Nichts auftauchen. Auch in Seligman stoppen wir kurz, um bei Angel Delgadillo’s Souvenir- und Barber-Shop vorbeizuschauen. Alleine ihm ist es zu verdanken, dass die Route 66 – zumindest ein Teilstück – heute überhaupt als historische Route existiert. Er hat damals nicht nur die Idee gehabt, sondern so lange gekämpft, bis schließlich auch der Staat mitspielte. Sein Laden ist daher natürlich Kult und pure 66, aber Angel (kürzlich 88 geworden) ist nicht da heute, obwohl er immer noch ab und an Rasuren vornehmen soll.

Im über und über mit Nummernschildern und Aufklebern aus aller Welt zugepappten Barber-Zimmer seines Ladens hole ich mir beim fotografieren am uralten Frisierstuhl noch ein ganz eigenes Andenken in Form eines blauen Flecks am Schienbein. Die Souvenir-Nummernschilder in Angels Laden sind übrigens um einiges teurer als die im Hackberry’s Store, aber das nur nebenbei. In Seligman tanken wir auch mal wieder und schnacken kurz mit dem netten Tankwart. Ab hier sind es jetzt noch einmal zwei Stunden bis zum Grand Canyon – und ich würde sehr gerne zum Sonnenuntergang in die Tiefe blicken können. Also Gas, denn es ist schon später Nachmittag.

Die weitere Strecke bis zum Canyon verläuft relativ ereignislos und endlich kommen die Kassenhäuschen des Nationalparks in Sicht. Als wir uns durch das zunächst leicht verwirrende Straßensystem vom Grand Canyon Village zurechtgefunden haben, biegen wir sofort zum Yavapai-Point ein, um dort die Sonne auf den Bergen des Canyons verglühen sehen zu können. Und ja, wir hatten den „Wow“-Moment, den laut vieler anderer Reiseberichte viele andere Canyonbesucher hatten. Mehr Schlucht geht nicht – der Anblick ist wirklich atemberaubend. Schnell baue ich meine Kameras auf und wir genießen die Farben.

Als der letzte Rest Abendrot verschwunden ist, machen wir uns auf zur gebuchten Yavapai-Lodge. Nach dem Einchecken fahren wir zu unserem kleinen Bungalow, laden ab und satteln gleich wieder auf: Hunger! Nachdem wir im Dunkeln durch das Wegedickicht die Maswik Lodge gefunden haben, kehren wir in den dortigen Pizza Pub neben der Cafeteria ein. Gutes Futter, gute Preise! Satt und zufrieden zurück an unserer Lodge will ich mir gerade ein Bier aufreißen und die Fotos des Tages sichten, als mir plötzlich die Frage „Wie sieht der Canyon eigentlich bei Nacht aus?“ in den Sinn kommt. Hilft ja nix, das muss jetzt auch noch herausgefunden werden. Um den Yavapai-Point herum geht es also zum Abschluss des Tages noch ein bisschen auf nächtliche Foto-Safari.

HOTEL-CHECK
Die Übernachtung in der Yavapai-Lodge war für 150 Euro mit Abstand die teuerste des ganzen Urlaubs. Das liegt zum einen natürlich an der Lage, und zum anderen daran, dass ich „nur“ knapp drei Monate im voraus gebucht habe. Ich war froh, überhaupt noch etwas in Canyon-Nähe zu finden. Erwartet haben wir keinen großen Gegenwert außer einem Bett und einer Dusche in einer sehr einfachen Unterkunft. Bekommen haben wir mit das schönste und größte Zimmer des ganzen Urlaubs. Ob das jetzt daran lag, dass wir eher Budget-Hotels gebucht haben oder die Berichte/Bewertungen, die ich zur Yavapai las, untertrieben waren – ich weiß es nicht. In jedem Fall: Daumen hoch!

 

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