Whale Watching in Tofino/Kanada – Grauwale voraus!

Bleigraues Wasser, Schaumkronen, konzentrierte Stille. Nur das Rauschen des Ozeans ist zu hören. Rund dreißig Augenpaare starren auf den Horizont, warten. Die Menschen verteilen sich rund um das Oberdeck an der Reling, halten diese fest im Griff und versuchen, die Wellen auszubalancieren. Da! Das zischende Geräusch einer Wasserfontäne. „There he ist!“ ruft jemand von der anderen Seite des Bootes und zeigt aufs Wasser.

Aufgeregtes Gemurmel, klickende Kameras. Nach dem Umdrehen sehe ich nur noch den Rest einer großen Wolke aus feinen Wassertröpfchen in der Luft stehen. „There are two of them!“ ruft ein anderer plötzlich und zeigt Richtung Bug. Jetzt sehe auch ich den Blas nach oben spritzen, sehe den mächtigen dunklen Rücken durch die Wellen gleiten. Dann ist der Grauwal auch schon wieder unter der Wasseroberfläche verschwunden.

Viel Blas, wenig Wal

Eine Stunde zuvor standen wir alle, die in dieser Szene an der Reling kleben, noch erwartungsvoll in einem kleinen Ladenlokal am Hafen von Tofino. Ein buntes Trüppchen jeden Alters aus Amerikanern, Kanadiern, Deutschen, Schweizern, Italienern, Spaniern, Franzosen und anderen Nationen. Für alle waren die Wale einer der Gründe, hierher zu reisen – an den westlichen Rand von Vancouver Island, der sehr großen Pazifikinsel im Südwesten der kanadischen Provinz British Columbia (den kompletten Bericht zu meiner Reise dorthin gibt es übrigens hier).

Wenn man von Tofinos wunderschönen Stränden aus los schwimmen würde, käme man nach 6000 Kilometern in Japan an. Dazwischen nur Wasser. Und auch hinter und neben dem 2000 Seelen-Ort ist es sehr lange sehr einsam, wenn man von dem eine halbe Autostunde entfernten Ort Ucluelet absieht. Tofino ist ein Holzhaus-Paradies im Pacific Rim Nationalpark, das im Sommer seine Einwohner mal eben verzehnfacht, dank all der Surfer und Naturliebhaber. Und trotzdem hat es sich den Charakter einer Pelzjägersiedlung bewahrt, ist hier von Massentourismus nichts zu sehen.

Zurück ins Hauptquartier von West Coast Aquatic Safaris. Dort zieht sich die internationale Touri-Truppe kurz bevor es losgeht wetterfeste „Helly Hansen“-Jacken an, welche die Whale Watcher ihren Gästen zur Verfügung stellen. Zum Glück, denn an diesem Tag im Mai 2017 sind es zwar relativ milde 15 °C unter dem bedeckten Himmel und es ist trocken, doch auf dem Wasser sorgen Gischt und Fahrtwind für ein raueres Klima. Captain Jack (eigentlich Jackie) und ihre drei Kollegen heißen uns kurz darauf an Bord der Nanuq willkommen, die nur drei Minuten zu Fuß entfernt am Steg im Hafen liegt.

Die Nanuq fuhr uns sicher zu den Walen
Capt’n Jackie

Der ehemalige Fischkutter wurde für die Wal-Touren umgebaut und bietet 36 Passagieren Platz. Dies tut er entweder im beheizten Innenraum des Unterdecks mit kleiner Toilette oder auf dem Oberdeck, welches auch einige Sitzplätze bietet. Aber sitzen will hier fast niemand und unten schon gar nicht. Nach einer launigen Einführung mit Sicherheitshinweisen und wo man am besten spucken sollte, falls die Seekrankheit einen packt, geht es auch schon los auf den offenen Ozean. Und wie! Die Wellen sahen gar nicht so hoch aus im Hafen, doch die Nanuq ist schnell unterwegs. Kaum auf dem offenen Meer angelangt, gibt Jackie Vollgas und manchmal hüpfen wir auf Wellenkämmen so hoch, dass beide Füße kurz vom Boden abheben. Wer sich nicht gut festhält, kassiert blaue Flecken. Nass werden wir trotzdem kaum.

Rund 45 Minuten dauert die Fahrt zu dem Gebiet, wo sich die Grauwale tummeln sollen. Vorher hält Jackie an einem Felsen an, auf dem es sich zahlreiche Seelöwen gemütlich gemacht haben. Der Chef der Gruppe, ein sehr imposanter Mops, präsentiert sich in all seiner Pracht und guckt so blasiert herrisch als wüsste er, dass er gerade fotografiert wird. Im Walgebiet angekommen, wird der Motor abgestellt. Die Nanuq schwankt leise auf den Wellen vor sich hin und das große Warten beginnt …

Ein Haufen Sea Lions in wilder Kulisse
„Sieh nicht hin Schatz, das sind nur wieder diese doofen Touristen“
Der König des Rudels

Nach den beiden eingangs beschriebenen Sichtungen geht es plötzlich Schlag auf Schlag. Immer wieder spritzt der Blas eines Wales nach oben. Mal hier, mal dort. Nur wirklich nahe scheint keines der Tiere dem Boot zu kommen. Und seine Schwanzflosse will auch keiner präsentieren. An der Reling stehend stelle ich gerade etwas an der Kamera ein, als mich die Französin neben mir stumm antippt und aufs Wasser zeigt. Direkt unter dem Boot ist ein heller Schatten zu sehen, der länger und länger wird. Langsam treibt der Wal an die Oberfläche gleich vor uns und spritzt seinen Blas in einer großen Wolke in die Luft. „Ahs“ und „Ohs“ sind zu hören und dann ist er auch schon wieder abgetaucht. Das Spektakel dauert vielleicht zehn Sekunden.

 

 

Kurz darauf empfängt Jackie einen Funkspruch. Die verschiedenen Whale Watching Firmen – und es gibt einige in Tofino – sprechen sich über ihre Sichtungen ab. Sie wirft den Motor an und fährt ein Stück auf den Ozean hinaus. Dort treibt schon eine andere, kleinere Gruppe in einem großen Schlauchboot auf dem Wasser. Was bin ich froh, bei diesem Seegang auf einem richtigen Schiff zu stehen. Auch hier ist mancher Walrücken zu sehen, aber so wirklich zeigen will sich keiner.

Bitte einmal die Fluke…

Jackie will mehr, das merkt man. Sie fährt noch ein wenig weiter raus, stellt den Motor ab. Wieder konzentriertes Warten. Auf einmal gellt ein entzücktes „Woooooh, have you seen that?“ von der Brücke. Nein, hab ich nicht, Jackie! Gleich vor dem Bug muss ein sehr großer Kollege abgetaucht sein und dabei mit seiner enormen Fluke gewunken haben. Auf einmal sind überall um die Nanuq herum Fontänen zu sehen. „Es sind mindestens vier“ berichtet einer von der Crew aufgekratzt, leider habe ich seinen Namen vergessen. „Es ist verrückt, ich sollte eigentlich nicht mehr so aufgeregt sein, aber ich bin es jedes Mal“, sagt er, während er sein Fernglas wieder an die Augen presst. Tatsächlich dümpeln wir wohl über einer ganzen Gruppe Grauwale dahin und jeder Passagier bekommt noch eine Schwanzflosse zu sehen.

 

 

An dieser Stelle ein Lob an die drei Begleiter von Jackie. Sie haben nie Vorträge gehalten, aber immer jede einzelne Frage mit viel Fachwissen beantwortet. Nach weiteren zwanzig Minuten sind wir schon über der Zeit und Jackie macht sich eilig auf den Heimweg – es ist wieder Achterbahnfahren auf den Wellen angesagt. An einem Felsen kurz vor Tofino stoppt sie plötzlich doch noch einmal die Maschine und tuckert ganz langsam an ihn heran. Dort sitzt majestätisch ein Weißkopfseeadler und fliegt netterweise erst weg, als jeder einen Blick auf und ein Foto von ihm erhaschen konnte.

Mister Weißkopfseeadler schien gänzlich unbeeindruckt

Nach guten drei Stunden sind wir zurück am Pier im kleinen Hafen von Tofino. Etwa vier aus der Gruppe geht es nicht ganz so gut, eine ältere Frau lässt sich noch am Pier das Frühstück durch den Kopf gehen. Den meisten hat das Geschwanke aber nichts ausgemacht. Außerdem war diese tolle Erfahrung nicht nur ihr Geld, sondern auch alles andere wert.

Hinweis: West Coast Aquatic Safaris waren so nett, mir einen Rabatt auf diese Tour zu gewähren. Trotzdem ist dies kein gekaufter Artikel und stellt meine eigene Meinung dar.


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