Tokio & Kyoto: Reisebericht Japan 2014 / Tag 3

TAG 3 / TOKYO
Montag, 12.05. / 24°C / Sonnig, am Abend Regen

Heute nach dem Frühstück machen wir uns im Hotelzimmer fertig und hören vom Fenster aus Kindergeschrei am Tempel. Was’n da los? Eine Horde Knirpse in weißen Hemdchen tummelt sich am Schrein. Also schnell die Rucksäcke gepackt und hinters Haus. Eine Kindergruppe hat sich vor dem Shinto-Tempel vom Senso-ji Schrien geparkt. Jede Menge Eltern mit Kameras darum herum. Sie quäken die ganze Zeit irgendwelche religiösen Schlachtrufe und singen offensichtlich religiöse Lieder mit Rolf Zuckowski artiger Kinderlied-Untermalung aus dem MP3-Player. Es ist zuckersüß. Die Kleinen ziehen in mehreren Gruppen Mini-Schreine hinter sich her und halten immer wieder an verschiedenen Punkten an, skandieren mit putziger Micky-Maus-Stimme ihre Pamphlete zum Takt der Trillerpfeife der Betreuer und wackeln dann weiter. Das Spiel gucken wir uns locker eine halbe Stunde an.

Kindertag am Schrein

Dann laufen wir zum Imado-Schrein, etwa eine Viertelstunde vom Hotel entfernt in einem Wohnviertel. Einer von zwei Schreinen aus denen der Kult rund um die Maneki-neko, der auch bei uns so beliebten Winkekatzen, stammen soll. Außerdem wird dieser Schrein wohl gerne für Glück in der Liebe angebetet. Der Schrein selber ist so La-La. Ein paar Tonkatzen, Bänke mit Disney-Motiven aus Gußeisen darum herum und ein kleiner Shop. Viel witziger ist, dass am Schrein gerade Dreharbeiten stattfinden. Offensichtlich für eine der in Japan so zahlreichen wie beliebten Samurai-Billig-Soaps. Die Darsteller schwitzen ordentlich unter ihren Samurai-Perücken und gehen immer wieder eine Szene mit Schwertern durch.
Wir lösen uns recht bald von den „Kriegern“ und laufen die zwanzig Minuten zurück zur Asakusa-Metro, um schnell nach Shinjuku zu kommen. In dem zweiten „In“-Stadtteil neben Shibuya haben wir nämlich vorab eine kleine Stadtführung bei www.gotokyo.org gebucht. Dort bieten ehrenamtliche Tokyoter ihre Kenntnisse über die Stadt kostenlos für Touristenführungen an. Gerade noch rechtzeitig schaffen wir es pünktlich um 12.50 Uhr im unglaublich riesigen Government-Building zu sein, dem Rathaus von Tokyo. In der untersten Etage ist eine Touri-Info, wo schon zwei nette Damen auf uns warten.

Die beiden schnattern sofort auf Deutsch los. Eine schnappt sich Rebekka, die andere nimmt mich unter die Fittiche und wir laufen los. „Meine“ hat mal in Tokyo für den TÜV Rheinland gearbeitet und kennt auch Köln sehr gut (sogar die Ecke, in der wir wohnen), die andere hat in Düsseldorf (ausgerechnet!) studiert. Wir laufen – besser: hetzen – durch Shinjuku und bekommen bei der Geschwindigkeit gar nicht so viel mit. Immerhin merke ich mir, das all die Wolkenkratzer ringsum noch recht neuen Datums sind. Meine Führerin zeigt mir Fotos aus den letzten Dekaden, auf denen es hier noch kahl ausschaut. In den 1960er Jahren befanden sich hier sogar noch Reisfelder! Die meisten Gebäude sind erst in den letzten beiden Jahrzehnten aus dem Boden geschossen, und es wird immer weiter gebaut. Schon beeindruckend.

Wir laufen hier, laufen dort, stehen an einer Kreuzung vor der Shinjuku-Station, durch die täglich drei Millionen (!) Fahrgäste strömen, als es plötzlich hinter uns an einem Wolkenkratzer rumpelt. Ich drehe mich um und sehe gerade noch, wie ein etwa zwei Meter langes massives Eisenteil von ganz da oben runter genau auf den Bürgersteig kracht, keine fünf Meter von uns entfernt. Alle Passanten konnten zum Glück noch zurückweichen. Schock! Die Führerinnen lächeln: „Heute ist es aber auch windig! Das ist unser Glückstag!“ Und weiter geht’s.

Nach zahlreichen Stationen und vielen Fragen, die man eben nur Japanern stellen kann („Was frühstücken sie eigentlich so“, „Wo kommen all die Getränkeautomaten her“, etc.) erreichen wir den „Isetan“ Departement Store. Eine Art „KDW“ Tokyos. Hier führen uns die beiden in das Basement zur Lebensmittelabteilung, zeigen und erklären uns all die japanischen Leckereien die es dort gibt. Und sind ganz stolz, dass auch deutsche Wurst und andere internationale Spezialitäten im Angebot sind. Es gibt wirklich alles. Und viel Bemerkenswertes, wie zum Beispiel Honigmelonen für 70 Euro pro Stück! Oder besonders feine Erdbeeren (12 Stück für 12 Euro). Obst und Gemüse ist hier generell etwas teurer, aber das sind natürlich Ausnahmepreise. Die teure Melone zum Beispiel hat eine ganz tolle ungewöhnliche Maserung und ist in einem edlen Holzkästchen verpackt. Sie ist ein beliebtes Mitbringsel, zum Beispiel ins Krankenhaus, wie wir erfahren. Schmecken tut sie allerdings wie jede andere Honigmelone auch, sagen die beiden.

Nach einer Stunde in der Feinkostabteilung und vielen Probe-Häppchen von den Ständen verlassen sie uns wieder. Wir drücken ihnen noch ein extra für diesen Moment mitgebrachtes kleines Präsent aus Köln in die Hand. Man weiß ja, was sich gehört. Was für ein Zufall, dass beide unsere Stadt kennen. Dann kaufen wir uns eine Bento-Box und setzen uns vor’s Kaufhaus, um den Kram zu vertilgen. Dass, was wie Sashimi-Sushi aussah, waren zwar Reispfannkuchen, aber was soll’s. Der erste Hunger ist gegessen.
Eine Kreuzung von unserem Snack-Platz entfernt beobachten wir anschließend ein lustiges Polizeiballett. Einige Polizisten regeln den überhaupt nicht heftigen Verkehr mit spaßigen Gesten und Getanze. Wenig später bemerken wir, dass es das hier an jeder Kreuzung gibt. Überhaupt ist hier alles über-geregelt. Man braucht sich hier in Shinjuku nur eine Kippe anzumachen und ein, zwei Züge zu nehmen, schon steht ein älterer Herr in Warnweste neben dir, klappt einen mobilen Aschenbecher auf und bedeutet einen, die Kippe da hinein zu werfen. Das lustige Spiel mache ich drei mal mit 😉

Kawaii im Hello Kitty-Shop

Wir schlendern lange durch Shinjuku. Rebekka erliegt auch tatsächlich dem pinken Bubblegum-Kawaii eines „Hello Kitty“-Shops und kauft Souvenirs. „Kawaii“ muss man vielleicht kurz erklären. Ich zitiere Wikipedia: „Kawaii ist ursprünglich der japanische Ausdruck für liebenswert, süß, niedlich, kindlich oder attraktiv. Mittlerweile steht er für ein ästhetisches Konzept, das Unschuld und Kindlichkeit betont und sich auf alle Bereiche der japanischen Gesellschaft ausgedehnt hat. In westlichen Sprachen hat sich Kawaii als Bezeichnung einer japanisch beeinflussten Niedlichkeitsästhetik etabliert.“
Und hier ist alles Kawaii. Hinweisschilder, Plakate, Werbung generell, Klamotten, sogar Nahrung! Wenn ein Mädel in der U-Bahn einer Freundin die neuesten Einkäufe zeigt, folgt ein langgezogenes „Kawaiii“ (selbst beobachtet). Sogar ich bin anscheinend Kawaii, wenn man dem Flüstern und den Blicken einer Japanerin in Richtung ihrer Freundin glauben darf, als sie an uns vorbeigehen.

Aber weiter geht’s im Text. Wir kommen nach Kabukicho, dem Rotlicht- und Vergnügungsviertel Shinjukus. Das haben die Damen eben wissentlich ausgelassen. Sie sprachen zwar kurz davon, rieten aber davon ab, da abends hinzugehen. Da hätten wir aber was verpasst! So ein Geblitze und Geblinke habe ich noch nie gesehen. Jeder Lade wirbt auf das Kräftigste mit Neonfarben, Stroboskop-Blitzen, LED-Ketten und Weiß-der-Geier-was. Den Vogel schießt aber das wohl sehr beliebte Roboter-Restaurant ab, das mal eben ganze LED-Wände statt Hauswände hat, im Eingangsbereich mit zwei (mit Menschen besetzten) fahrenden Robotern wirbt und ständig mit einem Hummer (dem Auto natürlich) und einem Truck die Straßen ringsum patroulliert. Darauf riesige Roboter-Figuren und fette Boxen, aus denen laute Plärr-Musik strömt. Übrigens: Plärr-Musik von LKWs ist hier Standard. Genau wie vor fast jedem Geschäft ein mehr oder weniger gelangweilter Angestellter steht, der die aktuellen Angebote in einer Affengeschwindigkeit von einem Zettel abliest. In ein Mikrofon oder Megafon natürlich. Und es gehört zum guten Ton, irgendwelche Lautsprecherdurchsagen in die Straßen zu schießen (von Lautsprechern auf den Straßenlampenmasten aus). Ganz davon zu schweigen, dass jeder Laden seine eigene Musik nach draußen bläst. Das kann auch mal ein Weihnachtslied als Werbung für eine Süßigkeit oder eine schrille Version von „Dschingis Khan“ für eine Limo sein. Und wenn man dann noch an einer Pachinko- oder Spielhalle vorbeikommt …
Shinjuku quietscht!

Zweimal werden wir übrigens angesprochen, welchen Weg wir suchen und es wurde uns wirklich nett geholfen. Einmal ließ eine ältere Dame es sich nicht nehmen, uns den richtigen Weg persönlich zu zeigen. Sie kam einfach einen halben Kilometer mit uns mit und drehte danach wieder, um ihren eigenen Weg fortzusetzen. Als gegen Sonnenuntergang (18.30 Uhr) eine große Horde von Feierabend machenden Anzugträgern das Vergnügungsviertel strömt, wird es Zeit für eine kleine „Blaue-Stunde-Fotosession“ auf einer der Hauptkreuzungen Shinjukus. Danach lassen wir uns von einem Restaurant-Einfänger überzeugen der nicht nur nett ist, sondern auch eine wirklich gute Karte zu bieten hat. Na gut, versuchen wir’s. Wir landen im dritten Stock eines der Hochhäuser, bei „Watami Japanese Dining“. Auch hier alles voller Anzugträgern und ein paar Kawaii-Mädels. Wir scheinen die einzigen Ausländer zu sein. Wohl deswegen werden wir auch nicht in ein „Japanese Style“-Separee mit bodentiefen Tischen und „Schuhe aus“ gesetzt, sondern an normale Tische. Wir bestellen einmal die Karte rauf und runter. Das Konzept hier ist es wohl, viele Kleinigkeiten zu ordern. Die kosten dann zwischen 1,50 Euro und 5 Euro. Diverse Hühnchenspieße, eine Art Mega-Frikadelle, überbackenes Gemüse, japanische Jalapenos-Pizza, und vieles mehr. Später können wir nur noch „Papp“ sagen. Wir verlassen den Laden um 35 Euro ärmer, sind wirklich proppevoll und hatten jeder noch zwei Bier. Da kann man doch nix sagen! Auch der Service: Perfekt. So wie hier immer und überall. Es gab eine Funkklingel auf dem Tisch. Einmal drauf gedrückt, geht hinter einem eine rote Lampe an und keine zehn Sekunden später steht – sirrr – eine Servicekraft neben einen und fragt nach den Wünschen (die auch alle ein paar Minuten später auf dem Tisch stehen).
Als wir raus kommen fängt’s leicht an zu regnen. Vor jedem Laden – egal welches Angebot er haben – poppen kleine Kartons mit transparenten Regenschirmen für 3 Euro auf. Fast jeder trägt jetzt so ein Ding, wir natürlich auch. Die sind sogar recht stabil und klappen auf Knopfdruck auf, reichen von der Größe her auf für zwei Personen. Nicht schlecht. Gut beschirmt geht es ab zur Metro und nach Hause.

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