Reisebericht Japan 2016: Back to Nippon / Tag 7

TAG 7 / TOKYO – HIROSHIMA
Mittwoch 27.04.

Noch mehr Neuland

Schon früh checken wir aus und stehen mit unserem ganzen Geprölle auf der Straße. Hiroshima wartet! Da wollte ich schon immer mal hin und freue mich tierisch drauf. Bevor ich seufzend beginne, die Koffer und Rucksäcke die Metro-Treppen hinunterzuschleppen, sticht uns ein winziges „Elevator“-Schild ins Auge. Aha! Es gibt ja doch Aufzüge hier! Wie oft habe ich bei der elenden Schlepperei in diesem Land schon verflucht, dass ausgerechnet solche wichtige Errungenschaften der modernen Transportwelt so selten sind hier. Dabei sind sie uns bisher einfach nie groß aufgefallen, weil sehr gut versteckt. Die Aufzüge befinden sich meistens etwas weiter von den Metro-Eingängen entfernt, auch schon mal zweihundert Meter über zwei Ampeln.

Und trotzdem ist es noch eine Quälerei mit zwei Koffern und zwei Rucksäcken durch das Metro-Gewirr. Einen der Züge müssen wir komplett wieder fahren lassen, schlicht zu voll, da passte auch kein Mensch ohne Gepäck mehr rein. Nassgeschwitzt erreichen wir nach eine guten Stunde Tokyo Station. Jetzt nur noch die Tickets kaufen, Züge nach Hiroshima fahren ja schließlich alle halbe Stunde. An der Info bekommen wir noch einen kleinen Hilfszettel mit Hinweisen auf Kanji gemalt, damit uns andere helfen können, das Gleis zu finden. Aber klappt auch so. Eine Viertelstunde vor Abfahrt stehen wir am Gate. Unser Shinkansen Nozomi wartet schon und wird innen gewienert. Wie man es kennt verabschiedet sich der Putztrupp drei Minuten vor Abfahrt unter tiefsten Verbeugungen von den wartenden Fahrgästen und auf die Sekunde pünktlich geht es los.

Die Fahrt an sich ist relativ ereignislos. Sieht man von den sich ständig verbeugenden Schaffner, den sich vor einem hinknieenden Servicemädeln und der kleinen Raucherkabine, in der es überhaupt nicht verqualmt stinkt, ab. Und von dieser irren Geschwindigkeit, teilweise brettern wir mit über 300 km/h durch die Landschaft brettert. Leider ist es draußen sehr bedeckt und diesig. Nach genau vier Stunden stehen wir im 900 Kilometer (!) entfernten Hiroshima. Schneller wäre es mit dem Flieger alles in allem auch nicht gegangen.

Atomic Bomb Dome

Tokyo light und aufgeräumtes Gedenken

Hier ist alles etwas kleiner als in der Mega-Hauptstadt, mit niedlichen Straßenbahnen, die Häuser nur halb so hoch aber von der Innenstadt her genauso klickibunti. In der Straßenbahn sagen Schaffner jede Station einzeln an, klingeln per Hand und regeln die Türen. Man zahlt auch bar beim Aussteigen.
Unsere Unterkunft ist sehr gediegen, ein typisches Business Hotel eben. Endlich wieder ein normal großes Zimmer! Mit einer Besonderheit: Das Bad ist aufgeteilt in einen Waschbecken/Toiletten- und einen mit Glastüre abgetrennten Onsen-Bereich. Darin befindet sich die tiefe Wanne für das heiße Bad und davor auf den Boden kann man sich auf ein Höckerchen setzen und mit der bodentiefen Brause ordentlich abschrubben vor dem Onsen-„Besuch“. Putzig! Wenn man nur duschen will, steht man also so gesehen im Bad und kann/muss/darf den ganzen Raum einsauen.

Aber keine Zeit zum säubern – sofort machen wir uns auf in den fußläufigen Memorial Park. Schließlich haben wir nur noch zwei Stunden Tageslicht. Draußen hängt grau und schwer eine Wolkendecke über der Stadt und es nieselt. Trotzdem ist es warm. Irgendwie passt das Wetter zur Stimmung im Friedenspark, der wirklich beeindruckt. Alles ist so schön und aufgeräumt und unaufdringlich. Nicht zu viel, nicht zu wenig, kaum Pathos. Schlicht. Japanisch eben. Der Atomic Bomb Dome wacht als Mahnmal über dem Areal und wirkt gleichzeitig gespenstisch und trotzig. Natürlich kann man sich überhaupt nicht vorstellen, welche Hölle hier losgebrochen sein muss, als genau über diesem Gebäude die erste Atombombe im Kriegseinsatz explodiert ist. Natürlich versucht man es trotzdem. Wie schön ist es dann, als Kontrast eine Gruppe Kinder auf Schulausflug zu beobachten, wie sie fast still die riesige Friedensglocke läuten oder mit Kerzen in der Hand für das Erinnerungs-Gruppenfoto vor dem Dome posiert.

Gefaltete Kraniche am Kinder-Mahnmal

Auch das Mahnmal für all die abertausend gestorbenen Kinder mit den unzählig gefalteten Papier-Kranichen aus aller Welt beeindruckt sehr. Wen hier der Hintergrund interessiert, der google die Geschichte der kleinen Sadako Sasaki und des Denkmals. Vor dem Kenotaph, von dem man aus die ewige Flamme sehen kann und der als symbolisches Grabmal für alle Opfer der Bombe steht, habe ich leider einen Kopfschüttelmoment. Ein spanischer Familienvater quatscht davor in Stille vertiefte Japaner ungefragt auf englisch an und erzählt (sehr laut), dass er mit ihnen fühlt und weinen könnte, so berührt sei er. Die Japaner murmeln etwas, verbeugen sich und verschwinden. Jetzt hat der Mann den Weg frei und macht grinsend und feixend einige Selfies von sich vor dem Kenotaph und der Flamme. Seine Familie drückt sich dabei im Hintergrund herum. Peinlich. In ein paar Wochen wird Barack Obama als erster US-Präsident seit der Bombe an genau der Stelle hier stehen und damit ein Zeichen setzen. Er wird es besser machen.

Klampfende Hippies an lustigem Nudelkuchen

Wir spazieren hin und her und als es schon fast ganz dunkel ist, wollen wir den Rückweg zum Hotel antreten. Dazu müssen wir wieder am Dome vorbei und hören plötzlich Musik: Genau vor dem Mahnmal steht ein westliches Hippie-Pärchen (oh ja, genauso wie man sie sich vorstellt) und klampft singend auf Ukulelen „Give Peace A Chance“ von John Lennon. Ähmn ja, kann man machen, muss man aber nicht.

Gleich hinter dem Dome kommen wir an einem langen Zaun vorbei, hinter dem gerade Zelte aufgebaut werden: Für das original deutsche Oktoberfest (im April!) das morgen beginnen soll. Ähnliches haben wir vor zwei Jahren in Osaka schon gesehen. Aber für uns zählt jetzt erst mal nur eins: Essen fassen! Dabei soll es unbedingt die lokale Spezialität Okonomiyaki werden. Bitte googeln, zu kompliziert. Kurz erklärt: Eine Art Riesen-Pfannkuchen mit Nudeln und allem. Ja, allem 😉 Ist hier so verbreitet wie bei uns ein Döner und wird auf langen Theken kunstvoll gebrutzelt, an denen man dann auch sitzt und direkt essen kann. Tripadvisor schlägt ein ganzes Okonomiyaki-Haus vor, das auf vier Etagen unzählige verschiedene Imbisse bietet. Sagt uns aber nicht so zu. Doch direkt vor unserem Hotel auf der anderen Straßenseite nennt uns Tripadvisor auf dem Handy eines der besten Imbisse der ganzen Stadt. Nur: Wir finden ihn nicht! Verwirrt fragen wir den Türsteher eines anderen Restaurants und er weist nach links. „Gleich da nebenan.“ Aber da ist nichts! Nur eine schlichter rote Vorhang mit Schriftzeichen, der über die Hauswand hängt und eine mobile Wand voll mit künstlichen Efeu. Der nette Typ kommt uns hinterher, zieht grinsend den Vorhang beiseite – und legt eine 1,70 Meter hohe Tür offen.

Mein erster Okonomyaki!

Wir werden herzlich willkommen geheißen und pflügen uns durch die (englische!) Karte. Wir stellen unsere Okonomyaki ähnlich wie Pizzen mit diversen Zutaten selbst zusammen und schauen den Köchen fasziniert zu. Die Bedienung ist total lieb und das Essen ein Fest! Ich habe keine Ahnung, wie ich es geschafft habe, dieses Gerät mit Stäbchen zu bewältigen, aber irgendwie ging es. Echtes Comfy-Food für acht Euro. Und danach ist man wirklich pappsatt.
Draußen regnet es inzwischen, aber die Fußgängerwege hier sind überdacht. Wir versuchen uns noch zum ersten Mal an einer Pachinko-Halle, scheitern aber schon am Besorgen der Kugeln. Müde und glücklich geht es zurück ins Hotel.

 

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