Am besten Südwesten – Reisebericht USA 2016 / Tag 5

TAG 5 / LAS VEGAS
Mittwoch 19.10.16

Kleine Kollision zum Frühstück
Coco’s Bakery ist nur ein paar Minuten zu Fuß vom Hotel und backt ganz frisch herrlichen Frühstückskram zusammen. Genau das richtige nach so einem Abend. Wir gehen gar nicht mehr aufs Zimmer sondern wollen gleich los, allerdings gibt es einen kleinen Vorfall auf dem Hotel-Parkplatz. Während ich den Jeep ausparke (der über eine Rückfahrkamera verfügt!) nähern sich plötzlich Leute von der Seite, die ich nicht gesehen habe. Ich mache einen Schlenker und achte so nicht mehr auf die Rückfahrkamera… rumms!

Ich habe tatsächlich den hinter mir parkenden Chevrolet Camaro angetitscht! Die Leute auf dem Parkplatz stehen fassungslos da und fragen sich wohl gerade, wie man so blöd sein kann. Ich stehe genauso da und frage mich das auch. Okay, passiert – Schaden begutachten. Am Jeep sehe ich nichts. Gar nichts. Jetzt der Camaro. Hmn, hmmmn… da vielleicht? Nein, auch nichts. Aber einfach so wegfahren … das geht doch nicht. Nicht nur, weil wir Zeugen hatten. Also parke ich wieder ein, gehe zur Rezeption und schildere den Vorfall so genau es nur geht. Den folgenden Dialog gebe ich wahrheitsgemäß wieder.
Rezeptionist: „Okay, I understand. So …?“
Ich: „Well, what should I do now? Maybe leave a message to the owner?“
Rezeptionist: „And you are very sure that you don’t see any damage?“
Ich: „Yes, as far as I can see there is none.“
Er: „Then why don’t you just leave?“
Ich: „Ähmn, I can’t do that …“
Er: „Okay …“ (wendet sich an eine Kollegin gegenüber, nennen wir sie Miranda) „Hey Miranda, this very noble and honest gentleman here has had a little accident at the parking lot …“
Und so ging das lustig weiter, bis man mir irgendwann dann doch noch einen Securitymann zur Seite stellte, der Fotos von beiden Autos machte, ein Formular ausfüllte und mich unterschreiben lies. Die Besitzer würden sich sicherlich bei mir melden. Ich bin gespannt. Besorgt kein bisschen, der Wagen hat ja schließlich Vollkasko ohne Selbstbeteiligung.

Die fließende Cleveland Clinic

Trump, Mexikaner und schmelzende Häuser
Kopfschüttelnd und ein bisschen belustigt machen wir uns dann endlich auf den Weg nach Downtown – also dem alten Downtown nördlich des Strips. Zuerst machen wir jedoch einen Stopp am Trump-Hotel. Dort sollen sich nämlich laut Nachrichten eine Menge mexikanischer Food-Trucks versammelt haben, um lautstark gegen den Präsidentschaftskandidat zu protestieren. Tatsächlich ist der Gehsteig weiträumig von Polizisten abgesperrt und es tummeln sich so geschätzt 200 Protestanten und einige Imbißwagen vor dem goldenen Hotelpalast. Sprechchöre und Musik sind zu hören, die Stimmung ist fast fröhlich. Das wird ja was werden heute Abend … Weiter geht es zum Lou Ruvo Center der Cleveland Clinic, das 2010 eröffnet wurde. Der Bau stammt von Frank Gehry und ist völlig irre, sieht aus wie ein Block in der Sonne geschmolzenes Metall. Selbst, wenn man direkt davor steht ist es unvorstellbar, wie innen nutzbare Räume möglich sein sollen. Von Gehry durften wir schon so manchen Bau bewundern, wie etwa das „Tanzende Haus“ in Prag, das 8 Spruce Street in New York, die Walt Disney Halle in L.A. – und nicht zu vergessen den Zollhof im Medienhafen von D…, Düss…, na, diesem Vorort nördlich von Köln eben. Nicht weit entfernt findet sich der General Gambler Store. Tolle Sachen haben die da, sogar ganze Spieltische. Als „Kleinkram“ benutzte Kartenspiele und Jetons aus jedem Casino sowie anderen Nippes. Ein ganzes Regal widmet sich ausschließlich hundert verschiedenen Bingo-Stiften.

Fliegende Menschen am Hai-Tunnel
Jetzt aber wirklich nach Downtown. Wir parken im Golden Nugget und schauen uns erst mal diese Grande Dame an. Den Hai-Tank am Swimmingpool bzw. die Poollandschaft an sich darf man leider nicht fotografieren. Im Casino wollen wir das Park-Ticket abstempeln lassen, um den Stellplatz kostenlos nutzen zu können. Dafür muss man natürlich auch ein bisschen gespielt haben. Aber das mache ich doch gern. „Draußen“ auf der mit einer riesigen LED-Leinwand überdachten Freemont Street ist noch nicht allzu viel los. Lediglich ein paar sehr wirre Straßen„künstler“ und die laaaange Seilbahn direkt unter dem Dach, in der man wie ein Vogel von einem Ende der Straße bis zum anderen schweben kann, packt uns. Viele Bettler hat’s hier auch – und sie versuchen sich in Kreativität zu übertrumpfen. Wie etwa der dicke Army-Veteran, der nur mit einem Bikini und Hasenöhrchen bekleidet Souvenirs aus Palmblättern bastelt und verkauft.

Die Sicherheitskontrollen vor der „Debate Area“ – nur kommt niemand.

Niemand will zu Trump und Clinton
Gegen 15.00 Uhr fahren wir ab in Richtung Thomas&Mack Center an der Uni, nur fünf Autominuten von unserem Hotel. Dort wird am frühen Abend der große Schlagabtausch stattfinden – das dritte und letzte TV-Duell zwischen Hillary Clinton und Donald Trump. Der große Showdown drei Wochen vor der Wahl. Große Demonstrationen beider Lager, die Straßen voller Übertragungswagen, Polizei überall, die ganze Welt guckt auf diese Stadt, Las Vegas im Außnahmezustand und wir mittendrin! Dann die Debatte mit vielen Amerikanern gemeinsam verfolgen und direkt vor Ort deren Reaktionen und Debatten mitbekommen. Wie ticken die hier wirklich? So stellte ich mir es zumindest vor, wollte einen spannenden Polit-Abend erleben. Die Realität sah anders aus. Ganz anders.

Dass man an die große Halle an sich nicht herankommen würde war irgendwie klar. Sicherheit und so, logisch. Aber ich erwartete dennoch eine Art Public Viewing Area mit Leinwand. Was es gab, war eine „Debate Area“ auf einem großen Parkplatz in Sichtweite des Centers, etwa einen Kilometer davon entfernt. Dort sollten sich Demonstranten beider Lager einfinden und debattieren dürfen. Immerhin das wollte ich sehen. Doch als wir nach einer kleinen Fast Food-Stärkung gegen 16 Uhr schließlich davor stehen ist dort nicht nichts los, sondern gar nichts. Sprich: Kein Mensch da. Niemand! Und in zwei Stunden soll das Duell beginnen! Einige Polizeikräfte sperren die Straßen in Richtung Thomas&Mack Center ab, aber das war’s auch schon. Die Cops lümmeln gelangweilt in der heißen Nachmittagssonne herum, trinken Kaffee, unterhalten sich. Ein wenig ungläubig gehen wir erst mal wieder die Straße hinauf, um uns auch einen Kaffee zu besorgen. Auf dem Weg zum „Dunkin Donuts“ begegnen wir „Spiegel“-Korrespondent Veit Medick. Der ist offenbar auch noch auf der Suche nach einer Geschichte. Was jetzt? Nochmal gucken gehen, das kann doch nicht sein.

Und ein paar Trump-Anhänger standen an der Ampel.

„We won’t show it“
Um 16.45 Uhr ist die wirklich große „Debate Area“ dann mit acht Leuten „gefüllt“. Wir stehen so vor der Einlaßkontrolle und hinter mir sagte ein Amerikaner, der gerade mit seinem Kumpel ankommt: „Okay, us four and we will be twelve inside“ und lacht. Aber ich gab ihm zu verstehen, dass wir da nicht rein wollen, sondern lieber irgendwo die Debatte verfolgen. Denn eine Leinwand gibt es dort tatsächlich nicht! Also wieder die Straße rauf und geschaut, wo man einen Blick auf den mittlerweile in einer Stunde startende Schlagabtausch werfen könnte. Zwei kleinere Bars in Sichtweite des Thomas und Mack sind noch leer, haben keine Fernseher. Das Hard Rock Café einen Block weiter winkt ab: „We won’t show it“. Am Hofbräuhaus gleich gegenüber nur Schulterzucken. „Maybe we will show it, but without sound.“ Sehr hilfreich. An der Kreuzung vor dem Hofbräuhaus haben sich an verschiedenen Ampeln eine Handvoll Trump-Unterstützer mit Transparenten versammelt und grüßten die Vorbeifahrenden. Ein Schwarzer, der bei Rot halten muss, fährt den Mittelfinger aus und hupt. Die Trump-Jünger jubeln. Das war dann auch schon alles. Einer von ihnen will mich noch in ein Gespräch über Deutschlands Rolle in der Welt und wie sich alles ändern würde verstricken, aber ich lehne danken ab. Aus dem Nichts kommt plötzlich noch ein buntes Trüppchen mit einem etwa zehn Meter langen Joint aus Plastikfolie daher und fordert die Legalisierung von Marihuana.

Dieses improvisierte TV-Studio am Strip war der einzige sichtbare Hinweis auf die Debatte.

Völlig desillusioniert über das „Spektakel“ schlurfen wir zurück zum Auto – wieder vorbei an der Debate-Area, in der immer noch nicht mehr Leute stehen. Also ab zum Hotel, parken und dann zu Fuß zum Strip. Wir sind hier in Vegas. Jede Imbißbude hat zwei Fernseher laufen, irgendwo wird man das ja wohl sehen können. Im MGM Hotel laufen wir durch das Casino, fragen in jeder Bar. Überall die gleiche Antwort: „No.“ Beim vierten Nein wird es mir zu albern und ich frage eine Servicekraft warum und wie das sein kann. Sie raunt mir ihre Antwort leise zu: „We are not allowed to. The Boss doesn’t want to see debating oder fighting people in here. Everybody should just be gambling, drinking and having fun.“ Aha, so läuft der Hase also. Auf dem Strip merkt man gar nichts davon, was gerade drei Kilometer entfernt für ein Polit-Ereignis abläuft. Ich muss es kaum erwähnen: Jede Bar, jedes Casino in dem wir fragen winkt ab. Überall läuft nur Sport – und das scheint auch niemanden zu jucken. In der Nähe des „New York“ sieht man immerhin ein kleines improvisiertes Außenstudio eines mexikanischen TV-Senders am Strip stehen, das live berichtet. Um dieses Trauerspiel abzuschließen: Während wir uns in einem Waffel-Shop ein günstiges Abendessen schießen, werfe ich das Smartphone an, um wenigstens etwas über die Debatte zu erfahren. Ich lese also in Deutschland auf „Spiegel Online“ nach, was Veit Medick in der großen Halle vor der ich eben stand so über das Duell im Liveticker schreibt. Wie bekloppt ist das denn bitte?

Eine Verhaftung, ein swingender Brunnen und eine kleine Glückssträhne
Jetzt reicht’s aber auch. Vegas ist offenbar das wahre La-La-Land, in dem wirklich ausschließlich der Spaß regiert. Also rein ins Getümmel. Das Wynn-Hotel kennen wir noch nicht, das wollen wir sehen. Auf dem Weg dorthin werde ich am Caesars Palace fast von einem Cop über den Haufen gefahren, der seine locker 130 Kilo aus dem Auto wuchtet und irgendwo hin „läuft“. Dreißig Sekunden später sehen wir ihn wieder, wie er mit einigen anderen Kollegen einen Schwarzen gegen eine Wand drückt und fesselt. Viele Leute sitzen davor auf einer Mauer, schlürfen ihren Drink und gucken zu. Am Wynn fasziniert uns der swingende Brunnen. Zu Klassikern von Sinatra & Co. tanzt er im Farbenwechsel hübsch vor sich hin. Dieser kleine Bruder vom Bellagio-Brunnen ist wirklich sehr unterhaltsam. Der Magic Sea im Wynn ist auch ganz nett anzusehen. Dort füttere ich auch noch einmal den Automaten. Während wir später zurück schlendern, gibt es noch einen Blubberlutsch von Fat Tuesday auf die Hand. Und euphorisiert von dem leckeren Zeug, kehren wir noch mal ins Harrah’s ein. Dort läuft es am Roulette wirklich gut, als der Croupier plötzlich den Ausweis von Rebekka sehen will, die neben mir am Tisch steht, zuschaut und nicht(!) spielt. Das sind wir noch nirgendwo gefragt worden. Sie hat ihn natürlich nicht dabei und wir werden gebeten, den Tisch zu verlassen. Zis!

Der swingende Brunnen am Wynn

In irgendeinem anderen Casino lassen wir den Abend ausklingen und uns noch mit einigen free Drinks füttern. In einem Foodcourt gönnen wir uns einen Mitternachtssnack und begeben uns ins Hotel. Rebekka flufft leicht angeschickert sofort ins Bett, ich lese auf dem Balkon noch ein wenig kopfschüttelnd über das Duell. Irgendwie bin ich noch nicht müde. Ich ziehe Bilanz und merke, dass aus dem Vorhaben, die Urlaubskasse in Vegas zu verdoppeln, ein Minus von 150 Dollar geworden ist. Gut, waren zwei schöne Abende, aber trotzdem. Minus. Geht ja gar nicht. Selbstdiszipliniert, wie ich nun mal bin, greife ich mir 20 Dollar und schlendere rüber ins angrenzende „Hooters“. Einen Whisky noch in Vegas. Am Einarmigen werden 40 aus den 20 und ich bekomme meinen Whisky gebracht. Anstatt jetzt ins Bett zu gehen (wer kennt „Die fünf Stufen des Alkoholgenusses“ von Jürgen von der Lippe?) habe ich eine großartige Idee: Roulette! Mist, der Tisch ist voll, alle anderen schon zu. Dann eben der seelenlose Roulette-Automat, der fast wie ein Tisch aussieht, nur eben ohne Croupier und mit Bildschirmen. Ich bin der einzige dort. Rein mit den 40 Dollar! Noch einen Whisky? Aber gern! Ach so, der Einsatz. Hmn, ja, erst mal ein paar Dollar auf die 24. Bing! Huch! Okay, dann alles auf rot. Bing! Huch!
To make a long stroy short: Ich komme später mit 450 plus nach „Hause“. Und nicht mehr ganz nüchtern. Mission accomplished.

Übrigens: Wie ich bemerke, war ich auch an diesem Tag äußerst Foto-Faul. Das lag wohl daran, dass ich die „üblichen“ knallbunten Las Vegas-Nachtfotos bereits im letzten Jahr „erledigt“ habe. Wer sie sehen will, klickt hier.

HOTEL-CHECK
Das Desert Rose Resort entpuppt sich als nette und nicht so weitläufige Anlage mit einem schönen Pool und einem akzeptablem Übernachtungspreis. Ich habe keine Ahnung, ob wir ein Upgrade bekommen haben, aber unser gebuchtes Standardzimmer war eine große Suite mit allem pipapo. Das Resort liegt zehn Minuten zu Fuß vom Strip entfernt (Ecke MGM), ist dementsprechend ruhig, man parkt fast vor der Zimmertüre und es hat kein Casino. Sehr zu empfehlen!


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